etappensieg
miju #22, AUG’17

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Jedes Leben besteht aus mehreren Etappen. Doch nicht bei allen machen die Übergänge der Lebensetappen derartig harte Brüche wie bei Bernhard Kohl. Vom umjubelten Radrennfahrer zum verpönten Dopingsportler und jetzt erfolgreichen Unternehmer und Vollblutpapa. Ein Leben voller Berg- und Talfahrten.

Ein ständiges Auf und Ab prägt das Leben des Bernhard Kohl: als Bergfahrer im Radrennsport und was die Etappen seines Lebens betrifft. Dass es bergauf mühsamer ist, bergab dafür gefährlicher, auch das weiß der gebürtige Wolkersdorfer nicht zuletzt seit seinem Sturz 2006 bei der Vuelta a Espana, als er mit 60 km/h 10 Meter in die Tiefe stürzte. Aber nur kurz darauf macht er weiter, trotz Schmerzen, und führt bei der Straßenweltmeisterschaft in Salzburg. 2008 dann der große Wurf bei der Tour de France, als er als erster Österreicher die Führung bei der Bergwertung übernimmt und diese Etappe für sich entscheidet. Eine kurze Freude, denn noch im selben Jahr wird er bei Nachkontrollen der französischen Anti-Doping-Behörde auf positiv getestet, seine Ergebnisse bei der Tour de France annulliert. Der Aufschrei ist groß, naturgemäß in Österreich am größten, lange Prozesse folgen, Kohl nennt Namen. Die Stadt Wolkersdorf möchte den Ehrenring zurück. 

So schnell wird der große Star einer Weinviertler Kleinstadt der Buhmann einer Nation. Und Kohl? Der ist mit sich im Reinen, er steht zu seiner Vergangenheit und hat das Beste daraus gemacht. Eine neue Etappe, vielleicht sogar die schwierigste, auf jeden Fall aber die verantwortungsvollste, hat er in Angriff genommen. Als Vollblutpapa und Betreiber eines großen Radsportgeschäfts mit Verantwortung über knapp 40 Mitarbeiter.

»Es ist eine wunderschöne Gegend, dort kenne ich jedes Haus, weil ich ja Rauchfangkehrer gelernt habe«

Heute ist Kohl nicht mehr so medienpräsent, er fährt auf keine High-Society Treffen mehr, sein Fokus liegt jetzt immerhin woanders. Radfahren ist für ihn nur noch Privatsache, wie es halt die Zeit erlaubt. »Ab März ist ja Vollsaison im Geschäft«, sagt der Mittdreißiger. »Jeden Dienstag machen wir Kundenausfahrten vom Geschäft weg.« Da bleibt ihm nicht mehr viel Freizeit, den Drahtesel zu bemühen. Am ehesten noch sein Lastenfahrrad, mit dem er seine Kinder kutschiert oder zum Eisessen ausführt. Einmal im Monat trifft er sich mit seinem Papa zum Radfahren. Bernhard fährt von Brunn am Gebirge weg, der Papa von Wolkersdorf. Sie treffen sich in Tulln und machen eine Tour durchs Kreuttal. »Es ist eine wunderschöne Gegend, dort kenne ich jedes Haus, weil ich ja Rauchfangkehrer gelernt habe«, schwärmt Kohl und packt einstweilen die Partyaccessoirs für die Kindergeburtstagsparty aus, »ich weiß gar nicht mehr, was ich alles gekauft habe, das wird eine große Party heute.«

»Es war eine schöne Zeit mit einem nicht so schönen Abgang, aber langfristig erinnert man sich immer an das Schöne.«

Die Zeit des Profisports vermisst Kohl nicht: »Es war eine schöne Zeit mit einem nicht so schönen Abgang, aber langfristig erinnert man sich immer an das Schöne.« Jetzt hat er seine Familie und er merkt, wie die Kinder an ihm hängen, wie sie sagen »Papa, du musst da bleiben«, wenn er nur einen Tag weg ist. »Da wäre der Profisport, wo man ein halbes Jahr weg ist, sowieso nicht möglich«, bedauert Kohl kein bisschen. Auch sein Fahrradgeschäft nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, hat er doch immerhin knapp 40 Mitarbeiter. »Ich investiere lieber in gute Mitarbeiter als ins Marketing, weil man durch Weiterempfehlung mehr Kunden gewinnt«, ist der Unternehmer überzeugt.

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»Den Ehrenring habe ich Wolkersdorf zurückgegeben, weil sie ihn zurückhaben wollten. Ich habe ihn ja auch nicht verdient, daher war das kein Thema für mich«

Über seine Vergangenheit kann der Wolkersdorfer heute ganz offen sprechen. »Den Ehrenring habe ich Wolkersdorf zurückgegeben, weil sie ihn zurückhaben wollten. Ich habe ihn ja auch nicht verdient, daher war das kein Thema für mich«, sagt er selbstbewusst. Doping sei damals teils organisiert, teils individuell abgelaufen: »Man sucht sich schon individuell die Leute, von denen man Produkte beziehen kann.« Über gesundheitliche Risiken hat er sich nie Gedanken gemacht, weil es erstens damals noch keine Aufklärung gab, man zweitens ja mit keinem Arzt darüber spräche und man drittens als Sportler lerne, negative Gedanken auszublenden, zu verdrängen: »Denn wenn man als Sportler negative Gedanken hat, bringt man keine Leistung mehr.« Ob der Profisport seither sauberer geworden ist, kann er jetzt aus der Distanz nicht beurteilen, aber im Fernsehen könne man sehen, dass die Bergaufstrecken wesentlich langsamer geworden seien als noch zu seiner Zeit, und davor wäre man sogar noch schneller gefahren.

Sauer auf die Vergangenheit ist Kohl gar nicht mehr, sein dringenderes Problem aktuell ist, wie man denn nur diese leidigen Partyluftballons mit der Heliumflasche aufblasen kann, ohne dass sie zerplatzen. Bumm!, da ist schon wieder einer hin und juhu!, da fliegt einer davon.

Nach Brunn am Gebirge hat es die Familie Kohl geschäftsbedingt verschlagen. »Weil wir das Lokal auf der Triester Straße gefunden haben, wollten wir auch in der Nähe wohnen. Im Weinviertel zu bleiben war keine Option, die Tangente wollte ich mir nicht jeden Tag antun.« Bumm!, schon wieder knallts. Die Familie Kohl hat lange in einer Wohnung in Wien gelebt, davor viele Jahre in Kärnten und der Akzent ist im geblieben. Schon bei den ersten Worten hat man das Gefühl, da kommt einem ein Kärntner entgegen. »Das stimmt, man kann mich schwer zuordnen, wenn man es nicht weiß.« Nach dem dritten Luftballon hat der Kindergeburtstagsmeister den Trick heraußen.

Nun nur noch in Wien beziehungsweise in dessen Umland zu sein stört Kohl nicht. »Wenn man im Profisport ist, bekommt man von den Ländern, in denen man fährt, eigentlich nichts mit. Eventuell im Training, da kann man sich noch die Gegend anschauen, aber beim Rennen ist man zu fokussiert. Auch abends schaut man sich gar nichts an, der Tag besteht aus Training und Regenerieren. Das ist ja auch der Sinn vom Doping. Man kann mehr trainieren, ist aber in kürzerer Zeit wieder regeneriert, daher kann man mehr Leistung bringen«, schildert der ehemalige Profisportler.

Zum Radfahren ist der kleine Berni Kohl zufällig gekommen. Er hat anfangs Fußball und Tennis gespielt, bis in Wolkersdorf ein Radverein gegründet wurde. Der Papa hat dort mitgemacht und als Bub hat sich Kohl einfach dafür interessiert,  was der Papa macht. »Der Unterschied vom Radfahren zum Fußballverein ist der, dass man beim Fußball gerade mal gegen das Nachbardorf spielt, beim Radfahren ist man gleich einmal österreichweit unterwegs, bald auch international, und das war für mich als Jungspund natürlich motivierend«, erklärt Kohl. 

Die nächste Etappe ist jetzt neben seiner Familie der Ausbau seines Geschäftes im Online-Bereich. Sie liefern über den Onlineshop immerhin Räder bis nach Belgien. Den physischen Shop will der Geschäftsmann nicht mehr großartig ausbauen, denn in den letzten paar Jahren sind sie ohnehin von 1.000 m2 auf 3.000 und von 7 Mitarbeitern auf knapp 40 gewachsen.

Nebenbei organisiert er heuer zum dritten Mal bereits die Ausfahrt Bernhard Kohl und Friends am 10. September in Asparn an der Zaya. Zwei Routen, eine mit 60 km und eine mit 40 km stehen zur Auswahl, danach gemütliches Zusammensetzen und gemeinsames Essen im Filmhof Asparn. Anmelden kann sich dazu jeder und jede über Bernhard Kohls Website.

Sein neues Leben mit den Kindern taugt ihm jetzt sehr: »Das ist jetzt ganz meins.«

Im Moment bereitet ihm aber noch die Schatzsuche Kopfzerbrechen, an der Kohl und seine Gattin noch in der Nacht zuvor gefeilt haben. Nach dem Interview will er noch ein Loch im Garten graben, um den Schatz zu verstecken. »Ich schaue generell, dass wir viel Sport machen mit den Kindern«, sagt Kohl. Sein neues Leben mit den Kindern taugt ihm jetzt sehr: »Das ist jetzt ganz meins.« 

Für die Junioren ist Papas Radfahrkarriere noch kein Thema, mit 3 und 6 Jahren ist ihnen das noch nicht so klar, dass der Papa mal ziemlich bekannt war. »Später in der Schule wird das wahrscheinlich Thema werden, aber das Gute ist, dass ich offen darüber reden kann. Es ist ja auch schön, dass das Geschäft so gut angenommen wird, es ist nicht selbstverständlich, dass man nach meiner Geschichte noch so eine zweite Chance bekommt, dafür bin ich sehr dankbar«, sagt Bernhard Kohl mit ruhigem, bestimmtem Blick. 

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD