grenouille der zeit
miju #26, Apr ‘18

Nicht, dass Christian Umscheid den Eindruck erweckte, er würde für seine Passion töten, wie Süskinds Grenouille. Aber die außerordentlichen olfaktorischen Fähigkeiten des Parfümeurs, die ihm erlaubten, jeden Geruch in seine kleinsten Bestandteile zu erriechen, die Hingabe zu Düften und wie sie ihn in ihren Bann ziehen, so dass er kaum fähig ist, sich dem zu entziehen, jedes einzelne seiner Moleküle erkennen zu wollen, lässt Parallelen zum Herrnbaumgartner Uhrenmachermeister zu. Während Umscheid spricht, zerlegt er die Zeit in alle ihre Moleküle - so sie denn welche hätte. Kaum ein Gedanke verweilt in seinem Kopf, der nicht mit der Zeit zu tun hat. Und die Uhr ist die Manifestation dessen, was ihn gedanklich in Bann hält.

»Sammler haben zwischen 5 und 100 Uhren und ich möchte, dass irgendwann meine Uhren unter diesen Sammlerstücken sind«, bringt Umscheid sein Ziel auf den Punkt. Denn was ein Uhrenmachermeister seines Kalibers baut, sind keine Massenprodukte von der Stange, sondern handgefertigte Einzelstücke. Dass das Handwerk des Uhrmachers eine Präzisionsarbeit ist, glauben wir alle zu wissen. Nur die Tragweite ist selten jemandem bewusst. So fiel die Auswahl seines Ateliers auf das alte Postgebäude am Poysdorfer Dreifaltigkeitsplatz, obwohl er das Gebäude aufgrund des starken Schwerverkehrs seismografisch austesten lassen musste, denn auch starke Erschütterungen verträgt die Fertigung hochpräziser Uhrwerke nicht. Aber die Lichtverhältnisse sind hier optimal: »Maximal 5 Grad abweichend von Nord darf ein Uhrenatelier ausgerichtet sein.« Denn nur die Ausrichtung nach Norden wirft keine Schatten und Schatten sind der natürliche Feind der Präzisionshandwerker. Deshalb ist Licht auch so ein Thema für  Umscheid, gleich nach der Zeit. Ginzersdorf wäre für den Herrnbaumgartner der perfekte Wohnort, sehr hell, weil dort eigentlich nichts einen Schatten wirft, sehr ruhig. Falkenstein dagegen sei schon zu düster, denn die Sonne verschwinde dort sehr schnell hinter den Hügeln.

»Wisst ihr, wie man im Weinviertel Probleme löst? Bei einer Flasche Wein.«

Unter anderem deshalb gefiel es Christian Umscheid im Schweizer Vallée de Joux so gut. Dort fällt das Licht in optimalem Winkel ein. Genf dagegen ist schon zu dunkel. Das Tal der Uhren ist unscheinbar, eine Ansammlung von einer Handvoll verschlafener Dörfer auf 1.000 Meter Seehöhe im kargen Schweizer Jura nahe der französischen Grenze. Keine großen Werbetafeln weisen auf das Epizentrum der Feinmechanik hin, lediglich kleine Firmenschilder verraten, dass hier 200 Jahre Geschichte der Haute Horlogerie ansässig ist. Obwohl zuweilen Scheichs und andere Superreiche hier per Hubschrauber stationieren, ist das 6.000 Seelen umfassende Tal ein familiäres Bergvolk geblieben. So eine selbstverständliche Freundlichkeit und Aufnahme in den Ortsverband mag für einen Österreicher zunächst befremdlich wirken. »Haben wir unsere Töchter nur zum Einkaufen mitgenommen, waren die ständig weg, weil irgendwelche Leute sich die Kinder schnappen und sich wie selbstverständlich mit ihnen beschäftigen«, erzählt der Familienvater. Selbst ein wildfremdes, älteres Ehepaar, dem sie auf der Straße begegnet sind, hat sich den Umscheids gleich als Babysitter angeboten. »Und wenn man so ein Angebot in Anspruch genommen hat und dann gefragt hat, wann man die Kinder wieder abholen solle, wurde man nur komisch angeschaut und bekam zur Antwort: ‚Das weiß doch ich nicht, das müsst ihr wissen, wann ihr zurück seid‘«, ist er immer noch fasziniert von den Menschen im Jura. Freilich hat man als Uhrenmacher im Vallée de Joux einen anderen Status, das hilft natürlich. Besonders als einziger österreichischer Uhrenmacher. Und wenn man dann noch sagt, man arbeitet bei Audemars Piquet, sind selbst Verkehrskontrollen nichts mehr, was einen nervös machen sollte – nicht, dass er das je ausgenutzt hätte.

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Über ein Jahrzehnt arbeitet Umscheid für Audemars Piquet, eine Manufaktur, deren Zeitmesser ab 300.000 Franken über den Ladentisch gehen. Grandiose Menschen lernt er dort kennen. Ein Kunde, ein Physiker, beauftragte eine Uhr um 1,5 Millionen Franken – kaum vorstellbar, dass man als Wissenschaftler so reich werden kann. Bei der Besprechung verhedderten sich Umscheid, seine Kollegen und der Physiker in eine hitzige Debatte über Zeit. Der Weinviertler löst die Diskussion auf, indem er den österreichischen Charme spielen lässt: »Wisst ihr, wie man im Weinviertel Probleme löst? Bei einer Flasche Wein«, mit einer Gestik des Korken-Ploppens. Der Physiker und die Schweizer Kollegen reagieren begeistert: »Im Weinviertel werden Probleme gemeinsam gelöst.« Die Uhr, die daraus entstanden ist »war so schön, dass man Angst vor der Zeit bekam«. Aber auch das, was der Uhrenmacher bei Audemars Piquet an Marketing sieht, beeindruckt ihn zutiefst. Über vier Jahre hindurch wurden 4.000 Damen für eine Studie zu Damenuhren fotografiert. Ihre Handgelenke vermessen, Farben von Haut, Haaren, und Augen analysiert. Daraus wurde der Typ ausgewählt, den man als Kundin haben wollte. Der Erfolg gab ihnen recht, die zweite Uhrenserie war permanent vergriffen. Und Umscheid arbeitet sich bei dem Schweizer Luxusbetrieb ziemlich hinauf: »Ich bekam Uhren, die bereits mehrere Jahre von einem Kollegen zum anderen wanderten und nicht repariert werden konnten. Solche Stücke habe ich immer zwischendurch bearbeitet, bis sie wieder funktionierten, und ein ziemlich dickes Protokoll meiner Arbeitsschritte dazu geführt. Das brachte mir natürlich große Bewunderung ein und Audemars Piquet wollten, dass ich fix zu ihnen in die Schweiz komme.« Aber wie es oft so ist, trifft man Entscheidungen in einer Familie eben nicht im Alleingang und der Christian Umscheid blieb Weinviertler. Zum Glück.

Nun ist seine Weinviertel-Uhr endlich fertig. Aber zufrieden ist der Meister noch lange nicht. Gut so, denn sonst würde ja ein Produkt auf der Stelle stehen, Unzufriedenheit ist schließlich der Antrieb jedes Unternehmers. Umscheid führt mit Montre Exacte – so heißt seine Manufaktur – mittlerweile 16 Modelle hochpräziser Zeitmesser. Aber auch verkaufen muss er die und hat dabei gelernt, dass Österreich, insbesondere das Weinviertel, als Herkunft von Haute Horlogerie gut ankommt, besonders bei Italienern. Denn das Seltene zieht. Und aus dem Weinviertel gibt es sonst keine Uhren. Deshalb glaubt der erfahrene Uhrenmacher, dass seine Weinviertel-Uhr erst in 20 Jahren so richtig wertig wird für ihre Besitzer. »Sie transportiert ein Stück Heimat, die unersetzbar ist.« An der Uhr ist alles selbst gemacht, aber bei zukünftigen Serien wollen sie sich Unterstützung von professionellen Designern holen. Eine Besonderheit und Spielerei ist, dass der Sekundenzeiger nach der Viertelminute auf null springt. Eine Viertel-Uhr eben. Das Uhrband ist aus dem Fiata-Stoff. Dazu hat Umscheid lange nach einem Hersteller gesucht: »Schweizer,  Franzosen, niemand wollte das machen. Dann schickte ich eine Stoffprobe nach Belgien, erhielt umgehend ein Muster des Uhrbandes zurück mit einem sehr guten Angebot. Die Belgier waren bereit dazu, schnell und das auch noch hoch professionell.« Und so verfällt Umscheid für die nächsten Minuten ins Schwärmen für dieses Uhrband, seine feine Verarbeitung, die Nähte, den Stoff.

Ebenso lange kann der Uhrmacher über Wein referieren. Wie herrlich man ihn in seine Einzelteile zerlegen könne – sensorisch natürlich, wie lange es brauche, bis ein richtig guter Wein entstehe. Deshalb seien sich Wein und Uhren so ähnlich und deshalb sprechen beide Produkte auch die gleiche Klientel an. Aber zwischen Wein und Wein gibt es einen Unterschied, wie auch zwischen Uhr und Uhr freilich. Und damit auch zwischen deren Konsumenten. Franzosen sind für den Weinviertler sehr faszinierend, weil sie aus nichts was machen, sogar ein vertrocknetes Baguette anbeten wie ein Kunstwerk. »Die Franzosen und Schweizer denken sich nichts dabei, eine Flasche Wein um 100 Franken zu kaufen. Und diese wird genossen. Es ist faszinierend, wie lange sie an einem Glas trinken können: zwei Stunden für ein Glas Wein, zerlegen ihn ins kleinste Detail und genießen dabei den Moment, die Aussicht und die Gesellschaft. Das gibt es im Weinviertel nicht. Da darf eine Flasche nicht mehr als 10 Euro kosten, dafür trinkt man hier auch viel schneller und viel mehr«, macht Umscheid den Unterschied klar. Denn: »Die Weinviertler haben zwar die DNA für die Ruhe im Moment, aber sie merken es nicht.« Auch deshalb ist sein Beruf in Wahrheit seine Leidenschaft, denn »die Uhrmacherei kann dich sehr viel lehren, besonders über Zeit. Man schätzt die Zeit zu wenig.« Was er damit meint, kumuliert Umscheid in seinem Lieblingszitat: Deine Zeit ist die schönste, die du hast.

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Umscheid nennt es Weltneuheit, woran er so viele Jahre getüftelt hat und weshalb die erste Weinviertel-Uhr so lange auf sich warten hat lassen. Das Geheimnis liegt in der Balancier. »Balancier ist ins Deutsche falsch übersetzt mit Unruh und genau das nennt das Problem beim Namen, warum es in Österreich keine guten Manufakturen gibt, denn die Unruh macht nur Unruh.« Er hat in der Weinviertel-Uhr auf die Regulierung verzichtet und sehr lange an seiner Unruh gearbeitet. In Umscheids Kopf hat sie funktioniert, in echt aber nicht. Deshalb hat er immer weitergearbeitet, bis sie funktioniert hat. »Und damit niemand sagen kann, ich hätte sie kopiert, hat sie vier Herzen drin.« Auch Nachbau hat er mit der Reglage Mysterieux, einem der ältesten Geheimnisse der Uhrmacherei, unterbunden. »Du kannst sie von außen nicht verändern. Uhren gehen falsch, wenn du dich einem Magneten näherst, die Uhr runterfällt oder Ähnliches. Man hat also den Fehler selbst eingebaut.« Aber seine Unruh ist tatsächlich Balancier, im Gleichgewicht, und deshalb von außen nicht veränderbar. Durch sie geht die Weinviertel-Uhr immer genau, mit einer Taktung von 18.000-mal pro Stunde. »Das ist die programmierte Taktfrequenz. Die muss aber nicht unbedingt 18.000 sein, sie muss nur so geteilt sein, dass du eine Minute anzeigen kannst«, wird plötzlich klar, dass Uhrmacherei doch auch Mathematik ist. »Es gibt ganz andere Taktungen auch, aber das sind Proformaentwicklungen, mehr Marketingschmäh, damit man dem Kunden sagen kann, man hätte was Neues erfunden, aber man weiß genau, diese Taktungen werden nicht funktionieren, wenn die Uhr einmal runterfällt, geht sie falsch«, erklärt Umscheid.

»Und damit niemand sagen kann, ich hätte sie kopiert, hat sie vier Herzen drin.«

Er hat seine Weinviertel-Uhr so gebaut, dass sie nach den ursprünglichsten Regeln funktioniert, man braucht keine Bedienungsanleitung, nur Intuition. »Das ist auch so eine faszinierende Sache an Uhren – hochentwickelte Technik ist nach Intui­tion zu bedienen. Legt man einem Kleinkind eine Taschenuhr vor, wird es automatisch an der Aufzugskrone ziehen und daran drehen«, bringt der Herrnbaumgartner das Prinzip Uhrentechnik auf den Punkt. So hat ihm ein Kunde einmal erzählt, er ziehe seine Uhr immer auf, wenn er an der roten Ampel stehe. »Das ist intuitiv das Beste, das man tun kann! Das ist wie beim Wasser trinken, man soll ja auch nicht einmal am Tag einen Kübel Wasser saufen, sondern jede Stunde ein paar Schlucke trinken. Am präzisesten läuft eine Uhr mit 80 – 90 % Aufzugsleistung«, hält Christian Umscheid fest und freut sich außerdem an der Vorstellung, »im Zeitalter von Smartphones, wo jeder an der Ampel steht und in seinem Handy herumdrückt, steht einer mitten drunter und zieht seine Uhr auf und derselbe Mensch fährt einen Mercedes, der technisch alle Stückerl spielt. Wenn ich meine Uhr auf dem Tisch neben ein iPhone lege, wundere ich mich oft, wie unterschiedlich der technische Fortschritt sein kann. Die Uhrmacherei ist so ein altes Handwerk und immer noch in Entwicklung. Bevor du einen Meter nach vor gehst, musst du zuerst 100 Meter zurück.« Der Gedanke an das iPhone bringt den passionierten Feinmechaniker kurz zur Apple Watch, die vielleicht sehr viel kann, aber richtig die Zeit messen gehört nicht zu ihren Stärken und verheißt ihr deshalb düstere Aussichten: »Die Apple Watch rennt keine 24 Stunden. Die Zeit rennt aus, bevor der Tag zu Ende ist, das ist völlig unnatürlich und ein Riesenproblem, deshalb weiß man, dass es in 20 Jahren keine Apple Watch mehr geben wird.« Was aber keinesfalls bedeuten soll, dass Umscheid dem Apple-Konzern an sich ein schlechtes Zeugnis ausstellen will, ganz im Gegenteil, war Steven Jobs für ihn doch der letzte Visionär unserer Zeit: »Der hat in 40 Jahren 100 Jahre gemacht.« Und genau dieser Passion ist Jobs zum Opfer gefallen.

Menschen wie Steven Jobs faszinieren Umscheid wohl deshalb so sehr, weil er eine derartige Passion nachfühlen kann. Bereits mit fünf Jahren hat der kleine Christian stundenlang Stundenzeiger beobachtet, bis seine einzelne Bewegung für ihn sichtbar geworden ist. Als er im selben Jahr jede Uhr im Haus zerlegt hat, wussten seine Eltern, was einmal aus dem Spross werden wird. Und diese Hingabe ist bis in jedes einzelne heute graue Haar geblieben. Umscheid kann immer noch zwei Stunden einen Vortrag über Zahnräder halten und betont, wie wichtig es für Uhrmacherlehrlinge ist, jahrelang Zahnräder schleifen zu können – nicht schleifen zu können, sondern nur schleifen zu können.

Die Uhr ist für Umscheid nicht bloß ein Instrument zum Zeitmessen. Die Uhr ist die Verdichtung der Zeit, wenn man so will. Deshalb seien Uhren rund, sagt er, denn Zeit dürfe man nicht teilen, sie sei immer im Fluss. Wenn man ein Dorf über 200 Jahre beobachte, sehe man nicht, wie viel sich getan hat. Sehe man diese 200 Jahre Dorfleben aber im Schnellverfahren in der Rückschau, merke man erst die Dynamik: »Und genau das ist die Uhr.« Mit diesem Gedanken sei Beweis geführt, dass eine gewisse Anlehnung an Süßkinds Grenouil­le zulässig ist, auch ganz ohne Mordeslust, und damit die Zeichnung eines Charakters der detaillierten Hingabe geschlossen.  

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD