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Stimmgewalt
miju #27, JUN‘18

Leicht hat sie es nicht immer gehabt, die Martha Butbul. Aber nie hat sie ihren Humor verloren, ihren leichten Zugang zum Leben und vor allem zu Menschen. Sie ist eines der letzten typischen Wiener Urgesteine, von dem Schlag Mensch, dem der Schmäh nicht ausgeht. Und das zieht sogar junge Leute in ihren Bann, lässt sie ihre Smartphones wegstecken und sich plötzlich beim Schmähfian mit Jazz Gitti wiederfinden. Wie uncool eigentlich, aber es passiert ganz von alleine. Dadurch und mit ihrer Stimmgewalt hat sich die Wahlweinviertlerin und ehemalige Präsidentin des Poysdorfer Winzerfests vom Putzmädchen auf die Bühnen Österreichs gebracht. Und das als alleinerziehende Mutter.

»Geh Blödsinn, jeder Mensch kann singen.« Stimmt schon, nur ob das dann auch jemand hören will, ist eine andere Frage. Jazz Gitti, wie sie seit den 1980ern genannt wird, hat singen gelernt durch ihre Mutter: »Die hat immer gesungen und immer falsch.« So hat sich die kleine Martha zwar das Singen von der Mutter abgeschaut, nur anders klingen sollte es. Wobei: »Solange die Leute a Freud haben, ist es wurscht, wie es klingt. Musik muss berühren. Natürlich gibt es auch etwas, das mir nicht gefällt, aber wenn mir was wehtut, dreh ich ab.« Der Erfolg könne allerdings auch Stimmen und damit die Musik zerstören, meint Gitti. Viele Kollegen hätten etwas in der Stimme, das berührte, aber der Erfolg zwinge sie dazu, ständig etwas draufsetzen zu müssen.

Abgesehen davon ist es immer situationsabhängig, welche Musik in welchem Moment gefällt. »Ich würde mir ja nie eine Blasmusik-CD kaufen und daheim im Wohnzimmer aufdrehen. Aber beim Zeltfest, da groovt’s.« Schade findet es Jazz Gitti, dass es keine Musik mehr bei Heurigen gibt. Tatsächlich ist die bekannte Wiener

Schrammelmusik nur noch bei touristisch stark frequentierten Wiener Heurigen anzutreffen. Zu ihrer Jugendzeit war ein Streicherensemble aber vom Heurigen nicht wegzudenken. Und Jazz Gitti selbst gründete und führte den ersten Jazz-Heurigen Wiens. »So wie es früher war: Du haust di zuwe, reibst einen 100er (Schilling, Anm.d.Red.) ume und der spielt ein paar Nummern für di, kommt zu dir am Tisch und reißt an Schmäh, das gibt’s nimma und die Leut wollns auch net«, bedauert die Alt-Wienerin.

»Wenn wir früher zum Heurigen gegangen sind, zwei Mädls, na da sind wir net alla heimgangen. Jetzt net auf Aufriss, verstehst, aber du hast einfach Leute kennengelernt«, schildert die Anfang 70-Jährige.

»Handys haben den Schmäh zerstört.«

Und ganz schlimm sei das geworden durch das Handy. Einmal konnte es sich die stets direkte Frau nicht verkneifen, ein offenkundiges Liebespaar – sie sah die beiden davor am Parkplatz vor dem Lokal einander küssend – darauf anzusprechen: »Na, reds ihr nix miteinander, schreibts euch lieber?« Da die Beiden im Lokal sitzend nur in ihre Handys gestarrt hatten. »Manchmal, wenn ich wo an einer Bar sitze und blödle, wachsen junge Leut direkt zuwe, wenn sie einen Schmäh hören«, weiß die Jazz Gitti, dass Jugendliche die direkte Unterhaltung doch missen. »Ich finde mich nicht altmodisch, wenn ich da nicht mitmachen will und reg mich über die Jungen nicht auf, sie werden schon die Welt nicht untergehen lassen, aber es ist schade, dass ich ihre Nachrichten oft nicht verstehe und sie meinen Schmäh nicht«, fasst Jazz Gitti den modernen Generationen-Gap zusammen.

Was aber wichtig wäre zu beachten, sei, dass jedes Gerät einen Ausschaltknopf hat, so auch das Handy. Welch weise Worte! Auch beruflich müsse man nicht Samstagabend erreichbar sein. Dem ist nichts hinzuzufügen.

»A spezielles Eis, wüst kosten?«

Jazz Gitti liebt es, wenn junge Leut anpacken können, Ideen haben und die Ärmel hochkrempeln, um diese umzusetzen. Deshalb war es ihr auch ein Anliegen, für unser Gespräch ins Korneuburger Rathauscafé zu gehen. Dieses sei vor wenigen Jahren von zwei jungen Burschen auf ganz neue Beine gestellt worden. Sie bekommt einen Schokoladekuchen mit Erdbeereis serviert. »Wüst kosten«, Jazz Gitti ist alles andere als neidig, auch wenn es ihr selbst noch so gut schmeckt. Ganz natürlich und wie selbstverständlich, als ob man sich mit einem Familienmitglied auf einen schnellen Kaffee getroffen hätte. »Vergiss net auf deinen Topfenstrudel, der wird dir sonst kalt«, wird man selbst ermahnt zu essen. Und so am Rande, nein, ganz deutlich, erwähnt sie, dass sie gerade eben nicht nur jungen Unternehmergeist gemeint hat, sondern generell auf Männer steht, die was angreifen können, handwerklich geschickt sind, denn sie selbst sei komplett patschert. Dafür habe sie wiederum eine Idee, wie es fertig ausschauen soll, nur umsetzen muss es wer anderer: »Der Schlachtruf heißt: Holzfäller müssen her!« »Ein Mann, der mich auch im Dschungel retten kann«, war immer ihre Devise. »Die meisten Frauen schauen auf Männer mit Geld, aber Geld kann so schnell weg sein«, weiß Gitti, »aber einer, der was angreifen kann, kann sich immer helfen.«

»Ich hab das echt gern gemacht.«

Nicht ganz wie Evita Perón, aber doch ähnlich beliebt war Jazz Gitti als Präsidentin des Poysdorfer Winzerfests 2016. Und ganz lassen kann sie die kleine Weinstadt immer noch nicht, gerne kommt die Sängerin ins nördliche Weinviertel und gibt Konzerte.

So glatt ging das allerdings gar nicht, denn Gitti wurde vor einigen Jahren bereits gebeten, die Präsidentschaft zu übernehmen, in Verbindung mit einem Auftritt. Die lebensfrohe Dame hat sich darüber sehr gefreut und sagte zu. Doch wie es in der Organisation großer Veranstaltungen so ist, wurde sicherheitshalber gleichzeitig Hermann Maier gefragt. Ein großer Sponsor des Winzerfests entschied sich letztlich für den Skifahrer, doch Gitti hatte da bereits zugesagt. »Da war ich schon bös. Und wie sie mich dann wieder angerufen haben, habe ich gleich gesagt: Aha, und wenn ihr wieder einen besseren habt, sagts mir wieder ab. Aber dann sind der Wilfing, die Stadträtin und ein paar andere gekommen, haben sich entschuldigt und wir sind miteinander zum Heurigen gegangen. Dort hab ich gesagt, ja, mach ich, weil wir uns dann wirklich zsammgredt und einen lustigen Abend verbracht haben. Und heut bin ich sogar Tourismus-Ehrenmitglied und hab die Schwarze Kellerkatze bekommen.«

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Die Präsidentschaft war ein großer Spaß für sie, denn wenn sie etwas macht, dann richtig. Nur ihren Namen unter etwas zu setzen, ist nicht ihr Stil. »Das war leiwand.« Am Winzerfest ist ihr der einzige Rausch in diesem Jahr der Präsidentschaft passiert: »Ich musste ja alles kosten und dann hab ich mich im guten Nussschnaps verfangen und die Dirndlbar war schon eröffnet. Dann haben wir noch a bissl am Tisch getanzt und dann wurde ich ins Hotel gebracht, aber nur bis zur Tür, auf das bestehe ich immer, dass ich auf mein Zimmer alleine gehen kann, das möchte ich betonen.« Am nächsten Tag ging es ihr sehr gut, nur dass sie nachts zuvor zu viel gebrüllt hatte bei dem Lärm: »Ich hätte ja dann singen sollen, als der Erwin Pröll da war, aber ich hatte keine Stimme. Die Poysdorfer haben das aber verstanden.«

Wann immer Gitti Zeit hatte, kam sie nach Poysdorf, denn wenn sie etwas macht, dann richtig. »Die Poysdorfer sind ja wahnsinnig«, lacht Gitti, »der Wilfing (Landesrat, Anm.d.Red.) hat uns da mit den alten Traktoren über Stock und Stein zaht. Und jedes Mal haben sie mir Wein geschenkt, dabei trinken Roman und ich gar nicht so viel, ich muss ja aufpassen wegen meinem Zucker.«

»Du kannst nicht einmal einen Besen halten.«

Aufgewachsen ist Martha Gitti Butbul wohlbehütet in einem Geschäftshaushalt. Ihr Vater richtete ein Kaffeehaus für sie ein, dazwischen ging sie aber nach Israel zu einem Onkel für ein halbes Jahr. Als sie zurückkam, war das Kaffeehaus fertig und die ausgebildete Gastronomin führte es ein paar Jahre. »Aber es waren dauernd Streitereien und das ist mir am Nerv gegangen, deshalb bin ich wieder nach Israel gegangen«,

erzählt Gitti. Dort wollte sie Friseurin lernen, allerdings schon nach drei Monaten hat es ihr vor den Haaren der Leute gegraust. Sie bekam ihre Tochter, Gittis Mann war aber Spieler und Trinker, so musste Gitti kellnern gehen und drei Jahre als Putzfrau arbeiten. »Dabei hat mein Vater gesagt, als ich 16 war, du kannst net amal einen Besen halten, und ich habe geantwortet: Und wer hätt mir das gezeigt? Ich war nämlich schon ein verwöhnter Fratz.« Gerade dann als Putzfrau gut zu verdienen, machte Gitti ein bisschen stolz. Der Plan war, das drei Jahre zu machen und dann so viel Geld zu haben, dass sie sich eine Wohnung kaufen könnten. Doch ihr Mann hat alles, was Gitti verdient hat, flugs wieder ausgegeben. Schließlich dachte sich die junge Frau, sie könne doch mehr machen aus ihrem Leben und einen Beruf lernen. Krankenschwester stand zur Debatte, ging aber nicht, weil sie keinen Platz für ihr Kind gehabt hätte. So ist es die Ausbildung zum Koch geworden: »Denn kellneriert habe ich ja schon, also kann ich Koch auch lernen.« Ein Jahr dauerte die Ausbildung. Jeden Tag von 8 bis 3 Schule und von 4 bis Mitternacht als Eisverkäuferin gearbeitet, doch als Köchin hat sie nicht lange gearbeitet: »Ich hab immer schöne Haut gehabt, aber durch den ständigen Dampf ist sie fettig geworden und ich hab ständig Mitesser gehabt.« Ihr Mann ist dann zur See gegangen und sie hat als Kellnerin gearbeitet. Jeden Tag ist Gitti von 4 bis Mitternacht gerannt, doch verdient hat sie sehr gut. Den Gehalt des Mannes hat sie eingezogen, um davon die Schulden zu zahlen. Als die Schulden abgezahlt waren, ging die junge Mutter mit ihrem Kind zurück nach Wien. »Das hört sich jetzt alles recht einfach an, wenn ich das so erzähl, aber es war eine sehr harte Zeit«, sagt Jazz Gitti.

Zurück in Wien war es aber nicht viel leichter für eine alleinstehende Mutter mit Kind. »Drei Monate habe ich überhaupt keine Arbeit bekommen, weil alle gesagt haben, ich bin zu dick, ich kann maximal in der Küche arbeiten. Da hab ich gesagt, na das schau ich mir an. Ich war eine gute Kellnerin, weil ich immer einen guten Schmäh gehabt habe.« Endlich fand sie einen Job im Kaffeehaus Alt Wien, doch die Chefin zahlte ihr das Urlaubsgeld nicht gleich korrekt aus. Gittis Tochter wollte aber unbedingt ans Meer und sie hatte es ihrer Kleinen versprochen. »Wir sind also nach Bibione gefahren mit ganz, ganz wenig Geld«, erinnert sich Jazz Gitti an diese Zeit.

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Nach ihrer Zeit beim Jazz Fredl in der Schottenfeldgasse folgt eine Odyssee an Selbstständigkeit. Zuerst das Kaffee Zuckerl in der Heiligenstädter Straße, bis die richtigen Besitzer nach neun Monaten das Lokal selbst nutzen wollten. Das Geld, das sie bezahlt hatte, erhielt Gitti zurück, wovon sie ihre Schulden bei ihrer Tante zurückzahlte und von den übrigen 50.000 Schilling hat sie den ersten Wiener Jazz Heurigen aufgemacht. Offiziell war sie dort Geschäftsführerin, inoffiziell Pächterin. Das Geschäft geht gut, doch als Gitti das Lokal kaufen will, stellt sich heraus, dass die Besitzer es auch nicht verkaufen durften und von heut auf morgen waren alle Schlösser getauscht. 500.000 Schilling hatte sie in das Lokal investiert, die sie nie wieder zurückerstattet bekommen hat. Schließlich folgte ein Jazz-Club am Bauernmarkt, ursprünglich das Probelokal einer Country-Band. »Dann ist aber der Bezirksvorsteher gekommen und hat gemeint, bis Ende 79 müsse ich raus. Wenn Sie dann nicht draußen sind, bekommen Sie nie mehr eine Konzession in Österreich.« Mit 1,5 Mio. Schilling Schulden eröffnete sie dann in der Seilerstätte. »Ich hätte weiter meine Schulden abzahlen sollen, aber ich wollte mir auch mal was gönnen, hab ja nie Geld für mich gehabt. Es hat sich in der Seilerstätte das Diskothekenviertel entwickelt und am Bermudadreieck das Alternativviertel. Aber die Leue haben nicht verstanden, was ich mache. Ich war Vorreiterin der Beiselszene. Hatte Schallschutz und alle Auflagen erfüllt, erst Zilk hat gesagt:› Was wollts ihr von dem Madl‹. Aber da wars schon zu spät. Dann bin ich krank geworden und dann bin ich pleitegegangen«, erzählt die Gastronomin. Zu der Zeit hat sie bereits mit Drahdiwaberl gesungen und in ihrem eigenen Lokal manchmal die Bühne gerockt. »Da bin ich richtig bühnengeil geworden«, legt Gitti den Beginn ihrer musikalischen Karriere fest. »Stefan Weber ist zu ihr gekommen am Bauernmarkt und hat gesagt: ›Ich brauch dich in meiner Show.‹ Und ich hab ihn gefragt: ›Und was soll i duat mochn?‹ Und er hat gesagt: ›Wos du wüst.‹ Bei meinem ersten Auftritt bin ich dagestanden mit Blumenkleid und Strohhut und hab gesungen ›Im Prater blühen wieder die Bäume‹ und das Volk hat getobt.«

Nachdem Gitti mit ihrem Lokal pleitegegangen war, haben Jazzbands sie immer wieder gebeten, mit ihnen zu singen, damit sie über die Runden kommt. Dabei ist der Sängerin klar geworden, dass sie gerne ein Showprogramm machen möchte. In den 90ern gings dann los und sie konnte ihre Schulden abzahlen. »Und heut sing ich noch immer und was das Verwunderliche ist, ich hab noch nicht genug davon. Mit über 70 denken ja viele schon ans Aufhören, ich aber nicht. In der Stunde oder eineinhalb, wo ich auf der Bühne steh, vergess ich alles andere, auf der Bühne tut mir nix weh. »Ich bemüh mich immer, dass die Leute tun, was ich sag, und wenn sies dann tun, bin ich immer verwundert«, freut sich Jazz Gitti über Publikum, das mitmacht. Wenn das Publikum sie nicht mehr wollen würde, aber sie wollte noch, das täte ihr weh.

Mit so einem bunten Leben weiß Jazz Gitti abendfüllende Geschichten zu erzählen. Selten trifft man auf Menschen, die so sehr Menschen sind, sich also nie zurückgezogen haben, sondern immer mitten rein ins Getümmel. Egal wie viele Menschen sie enttäuscht haben, sie liebt die Spezies Mensch trotzdem und den Schmäh hat die Stimmgewalt auch nie verloren.

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD