Kein Leben ohne Rezept
miju #23, Okt’17

Eine morbide Ader muss man nicht notwendigerweise haben, wenn man in seinem Beruf auch schon einmal Menschen sterben lässt. Mit feiner Feder killt Eva Rossmann regelmäßig in ihren Krimis. Aber in erster Linie geht es ihr um unsere Gesellschaft, um Hochglanzfassaden und das, was dahinter lauert. Wie man von Juristin zur Journalistin zur Autorin wird, und warum das Weinviertel Leben bedeutet: Die Wahlweinviertlerin hat in Auersthal Heimat und Muße gefunden.

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Kurzes, feuerrotes Haar, aufgeweckte, fast freche Augen. So kennt man Eva Rossmann und vermutet eine quirlige, freche Frau. Doch dann kommt die Ruhe, fast schon Besonnenheit aus ihr heraus und man bemerkt schnell, diese Frau ist nicht Hals über Kopf, sie weiß, was sie tut, obwohl das Rezept für ihr Leben erst erstellt werden müsste. Die gebürtige Grazerin studiert nämlich einst Jus und wechselt währenddessen nach Wien. In der Bundeshauptstadt beginnt sie als Verfassungsjuristin im Bundeskanzleramt zu arbeiten, bemerkt aber schnell, dass ihr Hierarchie und Bürokratie nicht liegen, also wird sie Journalistin. »Ich habe immer schon geschrieben, seit ich 13, 14 Jahre alt war«, sagt Eva Rossmann. Sie hat sich schon, bevor sie lesen gelernt hat, für diese bedeutungsvollen Zeichen, die Worte bilden, interessiert und liest bis heute noch unglaublich viel. Erste Station war das Landesstudio Steiermark, dann die Neue Züricher Zeitung und die Oberösterreichischen Nachrichten. Auch das Genussmagazin à la carte publiziert regelmäßig Rossmanns Artikel zu Kochen und Gastronomie. 

Kochen fürs Schreiben ...

Der Wandel von der Juristerei zur schreibenden Zunft ist für die politisch engagierte Feministin aber kein großer Spagat: »Ich war schon im Bundeskanzleramt für Medien zuständig. Heute ist es halt Romanschreiben.« Für das Genre Krimi begeistert sich die Auersthalerin, weil es ihr Gesellschaftskritik am besten ermöglicht: »Um Maximierung von Leichen geht es dabei nicht.« Mit ihrem neuesten Roman Patrioten verlässt sie aber die Welt von Mord und Totschlag und widmet sich einem hochbrisanten, aktuellen Thema: Es geht um Nationalismus und Verhetzung, Religion, Islam und Christentum, Wahrheit und Lüge. Und all das in der Zeit unserer virtuell-sozialen Kommunikation.

»Als es geheiflen hat, Buchinger geht ins Weinviertel, waren wir schon da. Wir haben uns damals gedacht: Endlich gutes Essen im Weinviertel, gleich hin!«


Bis zum Ruf nach einem Führer. Es geht aber auch um das Sehnen nach Gemeinschaft im Kleinen und im Großen. Erzählt wird das Ganze aus den unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen Charaktere. Die Premiere zu diesem zeitpolitischen Roman läuft gerade. Deshalb ist Eva Rossmann derzeit viel auf Tour. In Wien mit dem Bundespräsidenten, beim Buchinger in Riedenthal mit Lesehappen oder in der Auersthaler Kellergasse. Die ersten Buchbesprechungen zu Patrioten waren durchwegs positiv. »Der Kurier zum Beispiel hat geschrieben, das wär mein bester Roman. Ich wurde eh schon oft gelobt, aber so ein Echo freut einen besonders«, sagt die Autorin besonnen, aber freudig. Generell ist die Frau, die ihren steirischen Akzent mittlerweile vollends abgelegt hat, viel unterwegs. Sei es für Recherchen, sei es für Lesungen, wie diesen Sommer in Caorle oder Nürnberg. Intensive Recherchen an den Orten des Geschehens sind für die einstige Journalistin und Sachbuchautorin das Um und Auf, auch wenn das einen längeren Aufenthalt in der Karibik bedeutet. Oder eine Kochlehre beim Buchinger in der Alten Schule, wo sie bis heute den Kochlöffel fest im Griff hat und mit dem eigenwilligen Haubenkoch eine enge Freundschaft pflegt. Als Gäste waren Eva Rossmann und ihr Gatte aber von Anfang an Manfred Buchinger ergeben: »Als es geheißen hat, Buchinger geht ins Weinviertel, waren wir schon da. Wir haben uns damals gedacht: Endlich gutes Essen im Weinviertel, gleich hin!« Als Rossmann dann 2002 ihren Gastroroman schreibt, liegt es für sie auf der Hand, ihn zu fragen, ob sie mitkochen kann. »Ich wollte einfach wissen, wie es in einer Profiküche zugeht. Das ist jetzt mehr als 15 Jahre her«, führt die Autorin aus.

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Etwa ein Jahr dauert der Entstehungsprozess eines echten Rossmann-Romans von der ersten Idee bis zum fertigen Buch. Die Themen gehen ihr aber nie aus, denn wenn man wach durch die Welt gehe, kämen die Ideen ganz von alleine. Eva Rossmann kommt viel herum, aber auch im Wirtshaus lerne man viele verschiedene Persönlichkeiten kennen. Zwei bis drei Mal im Jahr passiert es, dass ein Thema Rossmanns Aufmerksamkeit besonders erregt, und dann beginnt sie zu recherchieren, ganz so, wie für geübte Journalisten üblich, penibel und gründlich.

... Schreiben wie Kochen

Eben weil Rossmann ihre Augen stets offen hält, hat die Autorin keine Ängste um zukünftige Werke. »Sollten mir wirklich irgendwann die Themen ausgehen, was ich nicht glaube, kann ich immer noch kochen«, lacht sie. »Bisher waren die Ideen noch nie mein Problem, eher die Zeit, dass sich alles ausgeht.« Schreiben ist Handwerk und Kreativität. Die Vorarbeit und das sprachliche Handwerk unterliegen erlern- und übbaren Techniken, und über die Kreativität führt man das zusammen. »Das ist bei vielen Berufen so, auch beim Kochen«, erklärt Rossmann ganz richtig. Denn das Wissen über Gartemperatur und Garzeiten ist lernbar, aber das harmonische Zusammenfügen von Geschmackskomponenten ist Kreativität. Die Teilzeitköchin selbst macht sich am liebsten über Fisch und Gemüse her, denn damit könne sie am meisten Kreatives schaffen. Für diese Kreativleistung lässt ihr auch der Verlag Luft, was lebenswichtig für gute Werke ist. »Es gibt Autoren, die abhängig sind von ihren Verlagen, aber das sind eher die deutschen Konzernverlage, die wollen nur verkaufen«, erzählt die Schreiberin, die selbst einen kleinen, familiären Verlag gewählt hat, der ihr die Freiheit gibt, zu entscheiden, was sie macht und wann sie es macht. Für Eva Rossmann ist diese Flexibilität besonders wichtig, denn immerhin ist sie kein Mensch, der regelmäßig lebt. Für ihr Leben gibt es kein Kochrezept. Sich die Tage selbst gestalten zu können, braucht die Rothaarige wie die Luft zum Atmen. Sie ist oft auf Lesetour, dann sitzt sie daheim im Garten und schreibt. Ist Rossmann auf Recherche, trifft sie wiederum viele Menschen. Ihr Gatte war Redakteur bei Ö1 und genießt mittlerweile seine Pension, weshalb er seine Eva oft begleiten kann. Und dann gibt es noch die Tage, an denen sie beim Buchinger kocht. Ein vielfältiges Leben halt. Der Juristenjob ist jetzt ganz weit weg von ihr: »Es kann aber nix schaden, was man mal gelernt hat, und das trifft auch auf die Juristerei zu.«

Nur heiter ist so ein Leben trotzdem nicht immer. »Gerade bei Patrioten hat es bei der Recherche oft Situationen gegeben, wo ich mich nicht wohl gefühlt habe. Sich in rechtsnationalen Foren herumzutreiben und in dieses Gedankengut zu vertiefen, da fragt man sich, wie man so werden kann. Aber da muss man durch, denn ich will ja eine Geschichte erzählen und nicht meine Weltsicht verbreiten«, wendet Rossmann zu den Schattenseiten dieses Jobs ein. Spannend allerdings wird auch ihr aktuelles Projekt. Die Autorin recherchiert nämlich schon wieder für ihr nächstes Buch, bei dem es um Cyberkriminalität geht. Dazu hat sie sich kürzlich mit zwei Hackern getroffen, die sehr offen aus ihrem Alltag erzählt haben, denn ein Hacker versteht sich eigentlich als Beschützer und nicht als Verbrecher – mehr dazu aber in einem Jahr. »Man muss als Autor geistig offen sein und darf nicht glauben, man wäre dumm, wenn man etwas nicht versteht, sondern muss fragen, fragen, fragen«, betont Rossmann. Sonst aber versucht sie schon bei Charakteren aus Perspektiven zu schreiben, bei denen sie sich auskennt. Deshalb spielt die Polizei bei Eva Rossmanns Krimis eine sehr untergeordnete Rolle und die Hauptrolle ist naturgemäß eine Journalistin. 

Leben, einfach und angenehm

Eva Rossmann lebt einfach gerne im Weinviertel. Mit Betonung auf »leben«. Es sind nicht die Besonderheiten, die sie so sucht, es ist einfach das Leben an sich hier. »Mit dem Wein lebe ich sowieso gut.« Als Ausgleich zu ihrem Autorenleben läuft sie gerne und viel: »Bin schon überall gelaufen, auch in Hanoi.« Beim Laufen denkt die Auersthalerin an nichts, da hat sie den Kopf frei. »Es ist toll im Weinviertel, da geht man hinten beim Türl raus und läuft gleich durch die Weingärten.« 27 Jahre ist die frühere Steirerin schon hier. Das Weinviertel ist die Gegend, die zu ihr passt, als Zuagroaste fühlt sie sich nicht. »Ich versuche auch auf meinen Reisen immer von unserer Gegend zu erzählen.« Das Spektakuläre am Weinviertel ist für Eva Rossmann, dass es nicht spektakulär ist – im positiven Sinne: »Es geht hier einfach um das gemeinsame, angenehme Leben. Um die hügelige Landschaft, aufgeschlossene Menschen.« Weingegenden seien ja immer offen, meint die Schriftstellerin. »Ich würde mir wünschen, dass sich jeder seine Heimat selber wählen kann und dann so zufrieden ist wie ich«, schließt die Autorin, die hier ihre Wunschheimat gefunden hat.  

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD