DER zeit voraus
miju #19, FEB’17

Ein wacher Geist schafft viel. Zum Beispiel ein Auto zu entwickeln, das später jeder schon einmal gefahren haben wird. Oder an Innovationen zu forschen, die später in Fahrzeugen Standard geworden sind. Ein wacher Geist ist aber auch ein unruhiger Geist, der sich mit 88 Jahren die Begrünung Nordafrikas als Schlüssel gegen Jugendarbeitslosigkeit vornimmt.

Eines der populärsten Autos Europas hat ein Wolkersdorfer zu verantworten, ein Zuagroaster. Der VW Golf war sicher ein großer Meilenstein im Leben des Dr. Ernst Fiala. Nun widmet sich der gebürtige Wiener der Forschung über die wachsende Bevölkerungszahl und die damit verbundene steigende Kohlendioxidbelastung. Die Lösung wirft eine Vielzahl an Fragen auf, die in die verschiedensten Forschungsbereiche eindringen. Ein Riesen-Projekt, dem sich der unruhige Geist des 88-Jährigen verschrieben hat.

»Das Anliegen bei allen Entwicklungen war es, den Vorsprung vor den Konkurrenten zu gewinnen, die sie gezwungen haben, die Innovation zu übernehmen, wenn sie nicht den Anschluss verlieren wollten«

Ein Leben zwischen akademischer Welt und Privatwirtschaft, zwischen Theorie und Praxis, das aber stets getrieben war und ist vom Streben nach Innovation. Das sei auch seinerzeit der Grund gewesen, die VW AG zu verlassen: »Das Anliegen bei allen Entwicklungen war es, den Vorsprung vor den Konkurrenten zu gewinnen, die sie gezwungen haben, die Innovation zu übernehmen, wenn sie nicht den Anschluss verlieren wollten«, so Fiala. Denn was den Golf in seinen technischen Details so innovativ und deshalb anders gemacht hat, war der gefügte Leichtmetallkühler, die Verbundlenkerachse, der GTI an sich, der Hochleistungsdiesel, das moderne Cabrio oder der Allradantrieb. Als Entwicklungschef des VW-Konzerns zeichnete er verantwortlich für die Umstellung vom luftgekühlten Heckmotor zum wassergekühlten Frontmotor, also vom Käfer zum Golf.

»Dieses Denken, das ab 1981 bei VW in den Vordergrund drängte, ist aber schädlich. Wenn man das nachmacht, was andere am Markt erfolgreich vorführen, kommt man in die Hinterhand. Man kommt mit Entwicklungen auf den Markt, die ein paar Jahre davor in waren, aber es nicht mehr sind«

»Nur durch Innovation kann der Weiterbestand jeder Firma nachhaltig gesichert werden«, betont der Wahl-Wolkersdorfer. Wobei Innovation für ihn nicht irgendeine Neuerung bedeutet, diese müsse so bahnbrechend sein, dass die Wettbewerber gezwungen sind, sie anzunehmen. »Nur durch solche Innovationen kann eine technische Führerschaft unter Beweis gestellt werden«, ist Fiala überzeugt. Vertriebsleute denken seiner Meinung nach anders. Sie wollten das haben, was gerade am Markt gefragt ist, weil es sich leichter verkaufen ließe, es müsse dem Konsumenten nicht erst erklärt werden. »Dieses Denken, das ab 1981 bei VW in den Vordergrund drängte, ist aber schädlich. Wenn man das nachmacht, was andere am Markt erfolgreich vorführen, kommt man in die Hinterhand. Man kommt mit Entwicklungen auf den Markt, die ein paar Jahre davor in waren, aber es nicht mehr sind«, ist sich der Forscher sicher, »Innovation bringt hingegen dem Vertrieb die viel schwierigere Aufgabe, neue Produkte an den Mann zu bringen. Wenn das nicht gelingt – obwohl die gleichen Vorschläge später Erfolg haben –, ist davon die Rede, dass die Zeit noch nicht reif war. Unsinn, der Verkäufer war nicht imstande neue Lösungen zu verkaufen. Wenn es nicht so gewesen wäre, warum sollten sie ein paar Jahre später erfolgreich sein?« Als Beispiel nennt er den Golf Country. Als vom Vertrieb wenig geliebtes Kind sei er auf den Markt gekommen, wäre nicht erfolgreich gewesen und nach nur zwei Jahren eingestellt worden. Dabei war das Modell der erste SUV. »30 Jahre später kamen die SUVs groß heraus. Hätte VW am Golf Country festgehalten, wären sie heute die Vorreiter auf dem Sektor, aber nun ist es zu spät«, beklagt der Entwickler das Ende seines letzten großen Projektes bei VW.

»30 Jahre später kamen die SUVs groß heraus. Hätte VW am Golf Country festgehalten, wären sie heute die Vorreiter auf dem Sektor, aber nun ist es zu spät«

Aber alles der Reihe nach. Dr. Fiala begann seine Karriere als Assistent am Institut für Verbrennungskraftmaschinen und Kraftfahrzeugbau an der Technischen Hochschule Wien. Nur zwei Jahre später, 1954, wurde er nach Sindelfingen im deutschen Baden-Württemberg zu Daimler Benz gerufen, wo er als Oberingenieur und Leiter der Versuchsabteilung PKW-Aufbauten neben den normalen Entwicklungsaufgaben Versuche zur Verkehrssicherheit durchgeführt hat. Viele seiner Erkenntnisse aus dieser Zeit sind heute in den Fahrzeugbau und sogar in den Straßenbau als Standard eingeflossen. Als seine schönste Zeit aber bezeichnet Fiala die Jahre an der Freien Universität Berlin als Professor: »Das war ein guter Beruf, weil man keinen Chef hatte, damals zumindest noch keinen.« In diesen sieben Jahren forschte sein Institut gemeinsam mit der Universitätsklinik Heidelberg an Sicherheitsvorrichtungen im Fahrzeug. Der dabei entwickelte Drei-Punkte-Gurt etwa ist bis heute Standard. Später erhielten er und sein Team einen Forschungsauftrag des Verbandes der Automobilindustrie für biomechanische Untersuchungen an Halswirbelsäule oder Augen. Aber bereits hier war das mangelnde Bewusstsein für Innovation und Zukunftsfragen Fialas Antrieb, die FU Berlin zu verlassen. Sogar sehr, hatte er doch zu diesem Zeitpunkt noch gar keine andere Stelle in Aussicht. Erst nach einer Weile stellte sich die Wahl zwischen Ford und der VW AG. VW schien ihm die größere Herausforderung und da Fiala bis heute niemand ist, der es sich leicht macht, ging er nach Wolfsburg.   

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»Natürlich war ich stolz, dass alle Firmen dieser Welt in irgendeiner Weise den Golf nachgeahmt haben, etwa mit der Verbundlenkachse.«

Als er zu VW kam, war die Firma am Pleitegehen. »Bretton-Woods ließ die Deutsch Mark gegenüber dem Dollar massiv verlieren, die USA hat angefangen, selbst kleine PKWs zu bauen, die Japaner übernahmen das Kleinwagen-Segment, die USA führten Sicherheits- und Abgasvorschriften ein, mit denen VW nicht mithalten konnte, und der Käfer kam in die Jahre«, zählt der Forscher die fünf großen Probleme VWs auf. Fiala war also verantwortlich für die Entwicklung des Golfs und Passats. Besonders innovativ war für ihn die Einführung des Diesels bei PKWs. Der Golf brauchte nur noch 5 l auf 100 km. »Natürlich war ich stolz, dass alle Firmen dieser Welt in irgendeiner Weise den Golf nachgeahmt haben, etwa mit der Verbundlenkachse.« Die Ursache dafür, dass VW heute noch der größte Konstrukteur der Welt ist, war seine Innovation. »Das haben meine Nachfolger leider anders gesehen, viele Innovationen wurden abgetan mit das ist noch zu früh«, beklagt Fiala.

Der Wolkersdorfer hat aber noch etliche andere Forschungen in seiner Zeit bei VW betrieben, die ihrer Zeit voraus waren. Unter der Bezeichnung Schwungnutzautomatik wurde eine Einrichtung serienreif gemacht, die den Motor abkuppelte und stillsetzte, wenn das Gaspedal nicht berührt wurde. Erst beim Wiedergasgeben springt der Motor an. Auf diese Weise wird erreicht, dass der Motor nur läuft, wenn seine Leistung gebraucht wird. »In der Praxis können vom geübten Fahrer mehr als die halbe Strecke und mehr als die halbe Fahrzeit bei stillstehendem Motor zurückgelegt werden«, erläutert Fiala. »Eigentlich ist es das Fahrradprinzip: Man tritt nur, wenn eine Antriebsleistung erforderlich ist. Sonst rollt man im Freilauf dahin.« Diese Lösung kommt 2012 im BMW 7 unter dem Begriff Segeln in Serie. Zusätzlich konnte an die Stelle der Kupplung ein Elektromotor eingebaut werden, der einen Hybridantrieb ergibt. Mit dieser Lösung wurden 1989 Großversuche in Zürich und auf Rügen unternommen. Daimler baut in zweiter Auflage so seinen Hybridantrieb. »Wenn Hybridantrieb so definiert wird, dass das Fahrzeug sowohl verbrennungsmotorisch als auch elektrisch sowie mit beiden Antrieben gemeinsam fahren kann, dann hat VW 1976 als NewYork-Taxi den ersten Hybridantrieb vorgestellt«, betont der ehemalige Chefentwickler. Die Idee für einen automatischen Verkehr für PKW und LKW, bei dem die Verantwortung in das System abgegeben wird, stammt aus Fialas Berliner Zeit.

1988 ging Ernst Fiala zurück an die Hochschule und damit zurück nach Wien. Bis vor zwei Jahren hat er an der Technischen Universität Wien die Vorlesung Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Fahrzeug gelesen. Das war von jeher sein Spezialgebiet. Bis heute aber hält er Vorträge zu diesem und seinem aktuellen Forschungsfeld.

»Es werden in Europa 2 Milliarden Menschen aus Afrika erwartet, das ist Fakt«

Derzeit beschäftigt er sich nämlich mit Kohlendioxid-Emissionen und dem Bevölkerungswachstum. »Es werden in Europa 2 Milliarden Menschen aus Afrika erwartet, das ist Fakt«, weiß Fiala. Das stellt unseren Kontinent vor enorme Aufgaben. Einerseits was die CO2-Belastung angeht, die Arbeitslosigkeit und die Energieversorgung. 

Hoch spannend, weil innovativ und mutig, ist sein Ansatz. Er forscht nämlich in Richtung Begrünung Nordafrikas, was seiner Überzeugung nach möglich sei, »denn Südost-Asien liegt auf demselben Breitengrad und dort ist durch Bewässerung auch Begrünung möglich«. Nordafrika sei deshalb so trocken, weil alle seine Flüsse nach Süden fließen, kein einziger von West nach Ost. Mit diesem Projekt könnte man gegen die CO2-Emissionen und gegen die Arbeitslosigkeit gleichzeitig vorgehen. Es müsste also ein Kanal von Tunis in den Senegal gebaut werden, um einen Strom zusammenzubekommen, der größer ist als die Donau. 50 Milliarden Euro, hat er berechnet, würde so ein Tunnel kosten. Die passende Pflanze zur Begrünung des Gebietes hat Fiala auch bereits gefunden. »Die Universität Hohenheim in Stuttgart beschäftigt sich bereits intensiv mit der Erforschung der Jatropha, deren Nüsse sogar für die Gewinnung von Jet Fuel geeignet sind.« Die Jatropha ist eine sehr genügsame Tropenpflanze mit einer Cetanzahl von 60. Raps hat vergleichsweise nur 52. Das macht Jatropha zur perfekten Pflanze zur Gewinnung für Biodiesel, weshalb sie in den letzten Jahren einen Anbauboom erfährt.

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Fiala beruft sich mit seinen Ideen auf Brasilien als Vorbild, das bereits Vorreiter in Sachen nicht fossiler Energiegewinnung ist: »Über 80 % des Energiebedarfs werden fossil gedeckt. Eine Kilowattstunde fossiler Energie kostet das gleiche wie elektrische Energie, nämlich 3 Cent. Der Weg Brasiliens ist also der einzig sinnvolle«, und drängt dabei: »Diese Fragen muss man schnell angehen, denn der CO2-Gehalt in unserer Luft steigt um 0,4 % pro Jahr.« Während Brasilien Ethanol zu Preisen unter 10 Cent pro Kilowattstunde anbietet, verlangt das thermosolare   

Kraftwerk NOOR in Marokko 12 Cent. Daher meint Fiala, wäre es sinnvoller, Pflanzen wachsen zu lassen und so Biomasse zu generieren, die CO2 bindet und relativ billig an den Ort ihrer Verwendung, also Europa, gebracht werden kann. Seine Lösung: »Die Begrünung bisher unfruchtbaren Landes scheint die beste Chance zu sein, gleichzeitig atmosphärisches CO2 zu binden, Biomasse in Form von Holzkohle, Bioöl oder Alkohol zu liefern und die dringend benötigten Arbeitsplätze zu schaffen.«

Decarbonisierung ist für Fiala ein Modewort, das wissenschaftlich nicht haltbar sei, denn ohne das Nutzen von Kohlenstoffverbindungen ginge es nicht. Es seien die Kosten, die eine entscheidende Rolle spielten. Der Nationalratsbeschluss vom Juli des Vorjahres, nach dem Österreich in den nächsten 25 Jahren den Verbrauch fossiler Energie komplett einstellen will, hält Fiala für theoretisch machbar, aber wirtschaftlich kaum zu verkraften. »Die Heizungen müssten auf Wärmepumpen umgestellt werden, die Autobahnen müssen elektrifiziert, die Städte mit Ladestationen ausgerüstet, der Kraftstoff für Landmaschinen, Flugzeuge und Panzer synthetisch erzeugt werden, auch müsse die Verhüttung ebenso wie die Zementproduktion unterbleiben.« Den daraus entstehenden Strombedarf könnte aber Österreich aus Inlandsproduktion nicht decken. Die Energiespeicherung von Sommer auf Winter wäre wiederum nicht zu schaffen und Strom aus Nordafrika sei eben sehr teuer. Daher sieht Fiala in der Photosynthese auf bisher unbegrünten Flächen die einzige Möglichkeit, den CO2-Pegel zu senken. 

Mit Leserbriefen in Zeitungen, Vorträgen an der Akademie und seiner Website und verschiedenen Publikationen möchte der Wissenschaftler auf die Dringlichkeit einer Lösung hinweisen. Wichtig sei, Energie sinnvoll einzusetzen. »Alle reden über das Knappwerden von Ressourcen, aber keine einzige Ressource wird knapp, sie müssen nur sinnvoll eingesetzt werden. Aber die Medien schweigen. 2040 wird Österreich bankrott sein und niemanden interessiert das. Die Medien sind nicht ansprechbar zu diesem Thema«, kann Dr. Fiala nicht begreifen, gehe es doch um unser aller Existenz. 

Der wache Geist des Wolkersdorfers ist also nach wie vor unruhig, zu groß sind die Herausforderungen, denen sich die Welt stellen muss. Forschung und Wissenschaft für den Menschen ist immer noch sein Lebensinhalt, den er mit Eifer verfolgt. Wenn er auch selbst meint, 2040 nicht mehr erleben zu werden, ist es ihm längst nicht egal, was in 20 bis 30 Jahren sein wird. Aber wer weiß, sollte sich seine Voraussicht aus der Zeit bei VW wiederholen, werden wir in drei Jahrzehnten Fialas Schriften hervorholen und bemerken, dass ein Weinviertler seinerzeit bereits die Lösung wusste.

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD

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