mit netz + werk
miju #20, Apr’17

Vom Kurbeltelefon zum eigenen Telefonnetz, das ist kein Kinderspiel. Was als Spielzeug beginnt, wird bei Franz Pichler zur steilen Karriere. Heute betreibt der Olgersdorfer das Mobilfunknetz Spusu, kurbeln tut er nur noch am Erfolg seines Unternehmens. Und der kann sich sehen lassen, hat Sprich-und-Surf immerhin bei einer Erhebung der Österreichischen Gesellschaft für Verbraucherstudien den ersten Platz für seine Konditionen geholt.

Mit dem Unternehmen Mass Response ist Franz Pichler bereits seit mehreren Jahren erfolgreich. Technische Innovationen und Entwicklung haben ihm und seinem Team beispielsweise die Wertung für den Eurovision Song Contest als großen Auftrag eingebracht. Zuvor wurde in jedem Land extra gevotet, bis der gebürtige Olgersdorfer 2004 das Know-how anbieten konnte, die Stimmen aus ganz Europa in Wien zu zählen. Denn Mass Response bietet europaweit die stärkste SMS-Performance, das bedeutet, bei Votings kann ihre Technologie am meisten Short Messages gleichzeitig verarbeiten. Auch das Voting für die deutsche TV-Sendung Deutschland sucht den Superstar macht Franz Pichler mit seinem Team. Fast, als wären ihnen solche Erfolge nicht Herausforderung genug, suchen sie nach einem neuen Projekt und steigen in den Mobilfunk ein. »Telefonnetze sind schon lange nicht mehr staatlich, die A1 Telekom gehört zum Beispiel einem Mexikaner«, erklärt der Mann mit der freundlichen Miene die ursprüngliche Überlegung, denn die Sterne standen gut, »als Hutchinson Orange gekauft hat, mussten sie bei der EU-Kommission einwilligen, andere Mobilfunker ins Netz zu lassen«. Also starten Pichler und seine Leute 2013 mit dem Branding für Spusu. Dazu holen sie sich anfangs einen internationalen Berater ins Boot, doch die zündenden Ideen kommen, wie meistens, spontan. Viele Treffen zum Brainstorming, Studieren von Marktanalysen und dann entscheidet doch der Zufall. Franz Pichler fährt Sprich und Surf durch den Kopf und kreiert daraus die Abkürzung Spusu. »Ich habe das gleich im Bekanntenkreis getestet. Zuerst hat jeder gefunden, dass das komisch klingte, aber dann wurde ich eine Woche später von allen gefragt, was jetzt mit Spusu sei. Es konnte sich jeder noch an den Namen erinnern«, erzählt Pichler. Und weil er trotz seines jungen Alters von rund 50 Jahren im Business ein alter Hase ist, weiß er, dass überlebt, wer in Erinnerung bleibt. Deshalb ist er bei dem Namen Spusu geblieben. Dann ging es ans Logo. Zwei verbundene Kreise sind es geworden, die visualisieren sollen, dass mit Spusu Menschen verbunden werden.

»Zuerst hat jeder gefunden, dass das komisch klingte, aber dann wurde ich eine Woche später von allen gefragt, was jetzt mit Spusu sei. Es konnte sich jeder noch an den Namen erinnern.«  

Nun könnten leidgeplagte Unternehmer gleich dem Franz Pichler unterstellen, naiv zu sein. Ist doch sein Leitsatz, dass niemals ein Kunde Schlechtes über sie sagen können soll. Zweifelsohne ein hehres Ziel, dem sie den Slogan einfach, menschlich, fair vorangestellt haben. Bis jetzt sei ihnen das auch gelungen, meint der Olgersdorfers, und führt als Beispiel eine Kundenbefragung an, bei der ganze 40 % der Spusu-Telefonierer mitgemacht hätten. »Eine Teilnahme von 10 % ist bei solchen Umfragen normal, 40 % sind ein super Ergebnis«, erklärt er.

Den Grund dafür sieht der sympathisch ruhige Mann in ihren Ideen. »Es gibt Statistiken, die belegen, dass heutzutage die Leute durchschnittlich 30 SMS pro Monat versenden. Whatsapp und Facebook Messenger haben den SMS-Traffic deutlich reduziert«, erklärt er, »wer braucht da noch 2.000 SMS im Monat?« Daher wurden bei Spusu die Telefonie- und SMS-Freieinheiten heruntergesetzt, das mobile Datenvolumen dafür erhöht. Außerdem haben sie den Transfer nicht verbrauchter Megabytes ins nächste Monat eingeführt. Mit dieser Idee im Kopf definieren die Herrschaften von Mass Response also ihre Zielgruppe, genauer: »Wir haben nicht unsere Zielgruppe definiert, sondern wer sie nicht ist. Das sind nur die, die viel telefonieren und SMS schreiben. Bei allen anderen ist es egal ob jung oder alt, arm oder reich, Eltern oder Singles.« Und offenbar wurde damit ins Schwarze getroffen.

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Das Händchen – oder besser Köpfchen – für Telefonie scheint dem Familienvater bereits in seiner Kinderstube gewachsen zu sein. Vater Pichler hat schon bei der Post, heute Telekom, in Mistelbach gearbeitet, vielleicht der Grund dafür, dass der Sohn als Kind ein Kurbeltelefon zum Spielen bekam. Und als Nachzügler unter 5 Kindern wurde er von seinen älteren Geschwistern ziemlich gefordert, gibt Franz Pichler zu: »Meine Mutter hat immer gesagt: Du kannst deshalb so gut rechnen, weil dich alle anderen immer etwas gefragt haben.« Später in der Hauptschule befasste er sich dann mit Digitaltechnik und bastelte einen Tongenerator. Einleuchtend, dass er dann weiter eine HTL besuchen wollte, aber eigentlich die in Hollabrunn. In der HTL Schellinggasse, heute HTL Ottakring, hat er sich nur beworben, damit er vorab schon einmal einen Aufnahmetest gemacht hätte und sich damit besser auf jenen in Hollabrunn vorbereiten könnte. Aber dann hat ihn auch schon prompt die Schule im ersten Wiener Gemeindebezirk angerufen mit der Botschaft, dass er aufgenommen sei. Der erste Schultag in der Großstadt sollte aber nichts Gutes für den jungen Weinviertler verheißen. »Ich hatte den strengsten HTL- Lehrer als Klassenvorstand«, der hatte am ersten Schultag auf Pichler gezeigt und finster gesagt: »Du fliegst durch!« Diese Drohung sollte sich später als Ansporn erweisen, denn der gestrenge Lehrer zeichnete ihm später auf alle Tests einen kleinen Lorbeerkranz mit der Note darin. Freilich jedes Mal ein Einser. Bei der Maturafeier schließlich erfolgte noch die offizielle Entschuldigung für die Drohgebärde, wobei der Klassenvorstand erklärt hat, dass die Lorbeerkränze bereits dieselbe Aussage hatten.

»Alles, was wir selbst machen können und noch kein Massenprodukt ist, machen wir auch selbst.«

Nach dem technischen Studium sprang Franz Pichler stracks in die Arbeitswelt. Damals gehörte seine heutige Firma noch der Telekom, bis er sie 2011 übernommen hat. Mit Mass Response verfolgt er von Anfang an die Strategie: »Alles, was wir selbst machen können und noch kein Massenprodukt ist, machen wir auch selbst.« 2013 stellten sie sich die Frage, was sie als Nächstes tun könnten. Mobilfunk, haben sie gedacht, würde perfekt passen. Um ihrem Motto mit der Einfachheit, Menschlichkeit und Fairness gerecht zu werden, arbeitet Franz Pichler puncto Kundenbetreuung nicht mit Call Centern zusammen, sondern beschäftigt eigene Servicemitarbeiter in Wolkersdorf. »Wir wurden von einem Mystery Caller geprüft. Der hat uns eine Schwarte von einem Testbericht vorgelegt mit Mängeln. Die haben wir uns genauer angesehen und festgestellt, dass wir diese sogenannten Mängel gar nicht beheben wollen«, lacht Pichler. Etwa sollten sich die Mitarbeiter am Telefon immer mit der gleichen Begrüßung melden oder mehr technisches Know-how zeigen. »Aber genau das macht uns ja aus, unsere Mitarbeiter sollen wie Menschen mit den Kunden umgehen und nicht wie Roboter.«

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Auch physisch will seine Firma hoch hinaus. Mass Response und ihr Mobilfunknetz Spusu sind, abgesehen von der Service-Abteilung, die in Wolkersdorf sitzt, mittlerweile im DC Tower in Wien gelandet. Vor drei Jahren war der Mietvertrag im Gebäude in Floridsdorf Am Spitz ausgelaufen und sie mussten eine neue Bleibe suchen. Anfangs war der DC Tower sehr verlockend, aber viel zu teuer. Besichtigt haben sie ihn trotzdem. Damals war das höchste Gebäude Österreichs aber noch eine Baustelle, daher nur bis in den 27. Stock begehbar und als Besucher mussten sie Helme tragen. Einer seiner Mitarbeiter hat die Besichtigungsleiterin gefragt, eher im Spaß, ob er nach ganz oben könne. Die Dame ist verschwunden und kam mit der Mitteilung wieder, sie könnten alle mit dem Bauaufzug hinauffahren. »Das war ein wackeliges Ding wie aus dem Mittelalter«, erinnert sich Franz Pichler an die actionreiche Erstbesichtigung. Ein Bezug von Büroräumen kam für sie aber nicht infrage. Als Mass Response und Spusu aber letztendlich Floridsdorf verlassen mussten, erhielten sie ein derart gutes Preis-Leistungs-Verhältnis vom DC Tower, sodass man heute den Weinviertler Unternehmer im modernen Glasturm findet. »Den Umzug ins neue Büro haben wir in einem halben Tag erledigt«, zeigt sich Pichler stolz auf sein Team. Denn jeder, auch jene Mitarbeiter, die sich mit Technik nicht auskennen, hat mitgeholfen. Dafür wurde in der zweiten Tageshälfte gefeiert, das hat er seinen Leuten versprochen.

»Ich mag das Leben hier«

Bei all den Großstadtallüren ist Franz Pichler im Herzen Weinviertler geblieben. »Ein paar Jahre haben meine Frau und ich in Wien gewohnt, aber ich habe immer gesagt, dass ich zurück ins Weinviertel will«, sagt der erfolgreiche Firmeninhaber. 1990 haben Frau und Herr Pichler dann den Bauplatz in Olgersdorf erworben, seither bringt ihn niemand zurück in die Stadt. »Ich mag das Leben hier«, bekräftigt er. Er braucht von Olgersdorf zum DC Tower 40 Minuten stressfrei, denn keine einzige Ampel quert seine Route. Als er noch in Wien gelebt hat, brauchte er dieselbe Zeit für eine wesentlich kürzere Distanz, noch dazu »steigst aus dem Auto aus und bist fertig vom Verkehr«.

Anfangs verursachte Pichlers Idee, in den Mobilfunk einzusteigen Kopfschütteln. Immerhin verzeichne dieser Sektor bereits eine Marktpenetration von 140 %, auf Deutsch: Durchschnittlich besitzt jeder Österreicher und jede Österreicherin 1,4 SIM-Karten. Aber das ist dieselbe Frage, wie die, warum man im Zeitalter des Online-Readings und der eBooks ein Printmedium lanciert. Die Antwort ist ganz einfach: Mache etwas Neues, etwas, das es so noch nicht gibt und online nicht ersetzbar ist. Der Olgersdorfer hat sich das getraut. 

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD