Reden ist Silber, Abfall ist Gold
miju #13, Nov’15

Der Thayapark in Laa an der Thaya, ein wenig außerhalb der Thermenstadt gelegen, ist der Firmensitz der Denner GmbH. Nicht gerade ein typischer Standort für ein international tätiges Unternehmen. Gottfried Denner kauft und verkauft von hier aus Tintenpatronen und Toner für Drucker. Weniger die neuwertigen, die hat er der Vollständigkeit halber zwar auch im Sortiment, sondern gebrauchte. Knapp 250.000 Stück Patronen und Toner werden hier monatlich von 20 Mitarbeitern verarbeitet.

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Der Firmeninhaber zieht eine der Kartonboxen aus einem Regal, der Wert des Inhalts: 1.000 Euro. Einbrecher hätten trotzdem keine Freude, denn welche der Toner und Patronen in den vielen meterhohen Regalen wertvoll sind und welche nicht, das ist Gottfried Denners Know-how. Mit dem Sammeln und Verkaufen der Leerprodukte begann er zuerst hobbymäßig im Haus der Eltern. In der HTL wiederholte er gerade die Klasse, die schulische Herausforderung war daher nicht so groß und ihm war langweilig. Beim Druckerpatronen-Wechseln fiel ihm auf, wie komplex diese sind. Zu schade zum Wegwerfen, dachte er und recherchierte im Internet, wer sie zurücknehmen könnte. Er fand eine Firma in Deutschland, setzte sich mit ihr in Verbindung und begann bei Freunden und Verwandten leere Patronen und Toner zu sammeln. Bald warf das Hobbyunternehmen ein monatliches Einkommen von 500 bis 600 Euro ab. Er begann über eBay wiederbefüllte Patronen zu verkaufen und der kleine Handel wurde bald immer größer. Die Schule lief nebenbei, doch »irgendwie habe ich die Matura geschafft«. Danach wäre es fast zu Ende gewesen mit dem Patronenhandel, denn Gottfried Denner hatte einen anderen Traum, er wollte Pilot werden. Fast hätte es geklappt, nur 2 % in Mathematik standen beim Aufnahmetest bei Air Berlin zwischen ihm und seinem Wunschberuf, doch so wurde der Druckerpatronenhandel zum beruflichen Hauptinhalt. Zu diesem Zeitpunkt belächelte Gottfrieds Vater noch das Hobby seines Sohnes, doch im Elternhaus belegten Druckerpatronen und Toner nach und nach Gottfrieds Zimmer und den Abstellraum. Als Gottfried die Garage in Beschlag genommen hatte, wurde klar, dass das Geschäft Zukunft hatte und dass neue Räumlichkeiten gefunden werden mussten. Im Oktober 2010 entdeckte Gottfried Denner auf der Internet-Plattform willhaben die ehemalige Clubbinghalle in Laa. Er kaufte sie und gründete eine eigene Firma. Davor war der Handel über die des Vaters gelaufen. Bei der Gewerbeanmeldung zum Abfallsammler und Behandler waren die Behörden vorerst einmal ratlos: Handelt es sich um gefährlichen Abfall? Wie ist der Tonerstaub einzustufen? Mit seiner Gewerbeidee betrat Gottfried Denner Neuland, es gab keine Erfahrungswerte in Niederösterreich. Die Tonerbelastung für die Angestellten ist sehr gering, das hat der Unternehmer mittlerweile schwarz auf weiß von der AUVA. Vor einem Jahr wurde das untersucht, indem die Arbeit der Angestellten eine Stunde lang mit einem Messgerät begleitet wurde.

»aus heutiger Sicht war es eine gute Entscheidung, alleine weiterzumachen«

Bei der Firmengründung kam es zur Krise mit dem Cousin, der in den vergangenen Jahren mitgearbeitet hatte und nun Teilhaber der Firma werden wollte, und schließlich zur Trennung. Der Cousin hinterließ eine Lücke im Unternehmen, das damals schon fünf Angestellte beschäftigte, doch »aus heutiger Sicht war es eine gute Entscheidung, alleine weiterzumachen«, meint Gottfried Denner. Im selben Jahr ließ er das Bürogebäude errichten. »Wir hatten einfach keinen Platz mehr«, ein Satz, der im Laufe des Interviews noch einige Male fällt. Der derzeitige Flächenbestand: eine Halle mit 600, eine mit 100, eine weitere mit 500 Quadratmetern, die beim Lagerhaus angemietet und über das Gelände erreichbar ist, außerdem 20 Container mit insgesamt 600 und ein Außenlager mit 300 Quadratmetern. Hier lagert Ware, die nicht so häufig gebraucht wird. »Jetzt bauen wir eine 1.000-Quadratmeter-Halle, weil wir aus allen Nähten platzen.« Außerdem gibt es das Bürogebäude und den Raum für die Kommissionierung. Hier werden die Druckerpatronen, die von einem Partnerbetrieb wiederbefüllt werden, verpackt und verschickt. 

Es sind nicht immer leere Patronen, die bei Denner landen. Wer einen neuen Drucker kauft, hat oft noch Ersatzpatronen für den alten daheim, und gerade in Osteuropa gibt es einen Markt für Patronen älterer Modelle. Ein Drucker, der in Deutschland weggeworfen wird, kann in Rumänien oder Tschechien gerade gefragt sein. »Die Herstellung einer Tonerkartusche braucht fünf Liter Erdöl. Wenn man die Menge an Plastik, den Staub und die Transportwege bedenkt, ist das eigentlich ein Wahnsinn. Könnte man nur ein Prozent der Druckerbesitzer dazu bewegen, wiederbefüllte Patronen zu  kaufen, dann wäre das eine Riesenumweltentlastung und Geldersparnis für jeden Einzelnen.« Wie oft kann recycelt werden? »Drei bis fünfmal, bis das Material ermüdet. Bei manchen Herstellern ist das Grundmaterial mittlerweile so schlecht, dass man nur mehr ein- bis zweimal befüllen kann, und in einigen Patronen ist weniger Inhalt als früher, sie kosten aber noch genauso viel. Wiederbefüllte Patronen enthalten oft die doppelte Menge an Farbe und kosten zwischen 40 und 70 Prozent des Originalpreises. Wer bei Denner Patronen zurückbringt, bekommt entweder bares Geld oder kann den Betrag spenden. »Einer unserer Kunden hat im Vorjahr circa 4.000 Euro erwirtschaftet. Die Spende für Licht ins Dunkel war sogar im Fernsehen mit dem Logo des Unternehmens zu sehen.«

»Dass es bei uns sehr transparent abläuft und wir gute Preise zahlen, realisieren immer mehr Leute. Wir haben täglich drei bis fünf neue Lieferanten.«

In Werbung investiert Gottfried Denner derzeit nicht viel. »Für die Leergutsammlung machen wir Werbung auf Krone Hit.« Über diesen Kanal kommen schon mal auch neue große Kunden, doch »die meisten Leute finden uns im Internet«, zum Beispiel über seine Website abfallbringtgeld.at. Für Deutschland und für Tschechien hat Gottfried Denner eigene Websites. Bei einem Partner in Deutschland hat er ein Lager eingerichtet, damit Pakete in Deutschland entgegengenommen werden können. Eine Mittelschule aus Frankreich schickt jährlich Leergut im Wert von 1.000 Euro. »Auch in Italien haben wir mehrere Kunden.« Gesammelt und verkauft wird in ganz Europa. Die Ware kommt von kleinen und großen Partnern. »Dass es bei uns sehr transparent abläuft und wir gute Preise zahlen, realisieren immer mehr Leute. Wir haben täglich drei bis fünf neue Lieferanten.«

War Laa eine gute Wahl als Firmenstandort? »Ich bin oft in Mistelbach. Vor fünf Jahren waren die beiden Städte gleichauf. Jetzt merkt man, in Mistelbach bewegt sich etwas.« Vor allem beim Paketdienst schlägt sich der etwas abgelegene Standort zu Buche. »Pakete müssen zwischen 14 und 15 Uhr fertig sein, uns würde es oft helfen, wenn ein Paket noch um 18 Uhr hinausgehen kann. Für einen Kunden, der auf eine Patrone wartet, ist jeder Tag ein verlorener Tag.« 

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Das explosive Wachstum der Firma ist nicht immer leicht zu bewältigen. »Wir haben so viel mit dem Tagesgeschäft zu tun, dass wir mit den Strukturen und mit dem Personal nicht nachkommen. Es dauert lange, einen Lagerarbeiter anzulernen. Wir haben 1.000 verschiedene Toner und 300 verschiedene Patronen. Bis das jemand intus hat, der vorher nichts damit zu tun hatte, dauert es.«

Was rät Gottfried Denner anderen, die ebenfalls eine gute Idee haben? »Man darf sich nicht vom Weg abbringen lassen. Wenn man sich etwas in den Kopf setzt, dann muss man daran arbeiten. Man darf gleichzeitig nicht auf sich selbst vergessen. Ich habe den Fehler gemacht, wegen der ständig wachsenden Arbeit das Fußballspielen aufzugeben, dabei war das für mich immer ein wichtiger Ausgleich. Das Ergebnis waren Panikattacken. Arbeit und Geld sind nicht alles. Heute geh ich zweimal pro Woche in die Therme und versuche, nicht bis um 21 Uhr im Büro zu bleiben, sondern nur bis 19 Uhr«. Macht ihn der Gedanke an die papier- und druckerlosen Büros der Zukunft nervös? »Nein, das wird es nicht geben. Wenn ich mich mit etwas beschäftige, dann will ich es in der Hand haben. In unserem Betrieb wird das Papier nicht weniger, sondern täglich mehr.«  


GESCHRIEBENES: Karin Opitz
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD