will you manga me?
miju #9, feb’15

Covermodel Haruhiism hat ein exotisches Hobby: Sie ist Cosplayerin. Für miju verwandelte sich die Paasdorferin in Lilith aus dem Computerspiel Darkstalkers. Als Vorlage für das Kostüm diente allerdings nicht die ursprüngliche Figur, sondern die Fan-Art-Version einer Künstlerin. Mirjam Riepl drehte das Rad weiter und entwickelte aus der Cosplay wieder eine Mangafigur.

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Von hinten nach vorne, von rechts nach links, aber trotzdem von oben nach unten: Wer das erste Mal ein Manga aufblättert, ist verwirrt. Für Japan sind die Comicbücher im unverwechselbaren Stil ein Exportschlager, die Dragonball-Mangas verkauften sich beispielsweise weltweit 200 Millionen Mal. 90 Prozent aller japanischen TV-Exporte sind Animes, also Zeichentrickfilme im Stil der Mangas. Was wir als exotisch empfinden, ist in Wahrheit das Ergebnis eines kulturellen Ping-Pong-Spieles. Die Entwicklung der typischen Manga-Stilelemente wurde von russischen Trickfilmen, westlichen Comicstrips und Jugendstil beeinflusst, wobei letzterer sich wiederum von japanischen Holzschnitten inspirieren ließ. Hierzulande werden Mangas und Animes als das Mittel einer Generation angesehen, sich zu definieren und anderen gegenüber abzugrenzen. Die asiatischen Comics entsprechen auch deshalb heutigen Kindern und Jugendlichen, weil sie filmischer erzählen als ihre europäischen Pendants, was sich aus ihrer Entstehungsgeschichte erklären lässt: Mangas gewannen in den 50er-Jahren zeitgleich mit dem Fernsehen an Popularität und waren seither immer eng mit ihm verbunden. Ein weiterer Grund für ihre Beliebtheit: Die asiatischen Comics sprechen mit ihrer großen Themenvielfalt Zielgruppen an, zum Beispiel Mädchen. Cosplay, eine Kombination aus den Worten costume und play ist eine weitere Facette dieser Kultur und entstand Mitte der 1980er Jahre auf einer Science-Fiction-Convention in Los Angeles. Es ist nicht auf Manga- und Animefiguren beschränkt und entwickelte sich außerhalb Japans mit Bühnenperformances und Wettbewerben vielfältiger als im Land selbst. Covermodel Haruhiism gab im Interview mit miju Einblicke in die Welt des Cosplays. 

Warum nennst du dich Haruhiism?

Der Name basiert auf einem meiner Lieblingsanimes, der Melancholie der Haruhi Suzumiya. Die Hauptfigur in diesem Film ist Gott, weiß es aber nicht.

Was war für dich der Einstieg in die japanische Fantasiewelt: Animes, Mangas oder Computerspiele?

Als Kind habe ich sehr viel ferngesehen, vor allem Sailor Moon. Irgendwann bin auf meine erste Convention gegangen, habe dort Cosplayer gesehen und das hat mich inspiriert, bei der nächsten Convention selbst ein Kostüm zu tragen.

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Wo trägst du die Kostüme?

Zum Beispiel bei der Convention Nipponation, bei der ich selber mitgewirkt habe und die im vergangenen Jahr zum ersten Mal stattfand. Eine sehr große Convention in Wien ist Aninite, sie hat mittlerweile rund 10.000 Besucher an einem Wochenende.

Was wird auf den Conventions geboten?

Cosplaying-Wettbewerbe, Zeichenwettbewerbe, Anime Music Videos, bei denen Musikvideos mit Animes zusammengeschnitten werden und Theateraufführungen. Man trifft Cosplayer aus Übersee, es gibt
Fan-Fiction-Wettbewerbe, Vorträge und Workshops.

Stellst du alle deine Kostüme selbst her? Das erste Kostüm hast du ja geklebt …

Ja, aber irgendwann muss man sich überwinden und vor eine Nähmaschine setzen, um herauszufinden, wie das geht.

Was sagen Japaner zum Cosplay?

Cosplay ist bei den Japanern genauso etwas Exotisches wie bei uns, es wird sowohl hier als auch dort ein bisschen belächelt, weil es nicht der Norm entspricht.

Hast du schon Ressentiments und Unverständnis erlebt? Wie gehst du damit um, wenn Menschen gar nichts mit deinem Hobby anfangen können?

Dann muss ich das respektieren, aber es tut schon weh, wenn jemand sich darüber lustig macht, vor allem in meinem Heimatbezirk Mistelbach habe ich eher negatives Feedback erlebt. In Wien wird Cosplay mehr toleriert. Ich würde auch niemals in der Öffentlichkeit ein Kostüm tragen, es muss einen Anlass geben, außerdem sind die Dinger furchtbar schwer anzuziehen und nicht wirklich bequem.

Welche Figur hat dir am meisten Spaß gemacht bisher?

Die Figur Casca aus dem Manga Berserk, sie war mein erster erfüllter Cosplay-Traum. Ich habe das Kostüm letzten Juli fertiggestellt, ein riesengroßes, pompöses Barockkleid. Casca ist ein weiblicher General eines Söldnertrupps und trägt immer Rüstung, nur ein einziges Mal auf einem  Ball ein wunderschönes Kleid. Ich musste es einfach machen, doch es hat mich Nerven gekostet. Der Stoff war sechs Meter breit und ich habe allein 40 Stunden lang Blumen aufgemalt. Für den Kopfschmuck habe ich mangels Alternative echte Goldketten verwendet. Um der Figur ähnlich zu sein, bin ich, bevor ich das Kostüm getragen habe, sogar ins Solarium gegangen.

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Seit wann gibt es Cosplay in Österreich?

Seit sechs bis sieben Jahren intensiv würde ich sagen, die Community wächst und wächst und wird immer größer. Cosplay ist in Österreich auf Anime und Manga spezialisiert, in den USA ist es comiclastiger und es werden auch Charaktere aus Videospielen dargestellt.

Kennen sich alle Cosplayer in Österreich untereinander?

Gleichaltrige kennen sich fast alle. Es gibt Verabredungen zum Gruppen-Cosplay. Jeder arbeitet an einem Charakter und zu einem festgesetzten Zeitpunkt muss das Kostüm fertig sein. Das setzt einen allerdings unter größeren Druck.

Du hast auch einen Printstore, gibt es in Österreich einen Markt für die Bilder von Cosplayern oder verkaufst du sie eher international?

Ich verkaufe hier und da ein paar Bilder, um mir das Cosplay zu finanzieren. Es gibt durchaus Sammler. Auf einer Convention in Mexiko, auf der ich war, haben die Leute die Prints geliebt, sie waren richtig verrückt danach.

Ist Cosplay frauendominiert?

Definitiv, nicht jeder Mann näht gerne, aber ich kenne ein paar, die sehr talentiert sind. Oft stellen Mädchen männliche Figuren dar, weil sich nur wenige Männer für Cosplay interessieren. 

Hast du einen Tipp für Manga-Einsteiger?

One Piece ist sehr gut, aber die Animes dazu sollte man sich keinesfalls auf Deutsch ansehen. Ich sehe sie mir auf Japanisch mit englischen Untertiteln an, denn die meisten deutschen Synchronisationen sind nicht gut gemacht und die Übersetzungen oft an den Haaren herbeigezogen. Ich lese auch keine Mangas auf Deutsch.

Warst du schon in Japan?

Vor drei Jahren, allerdings nicht in Zusammenhang mit Cosplay. Ich war in Tokyo, dort ist alles sehr sauber und die Menschen sind sehr höflich. Als Ausländer wirst du allerdings distanziert behandelt und ich würde nie wieder im Sommer hinfahren. Die Luftfeuchtigkeit beträgt teilweise hundert Prozent. Shoppen in Tokyo ist toll, die Kleidung ist günstig und die Auswahl groß. Lebensmittel sind allerdings sehr teuer, für einen Apfel zahlt man fast drei Euro.

Was ist wichtiger: Das Tragen der Kostüme oder die Fotos?

Das Schaffen des Kostüms macht superviel Spaß, das ist der Hauptgrund. Man arbeitet manchmal monatelang. Das Kostüm zu tragen und positives Feedback zu bekommen, ist Balsam für die Seele. Richtig schön ist es, wenn man ein gutes Foto davon hat. Das Problem beim Tragen auf Conventions: Es ist anstrengend, oft hält man nicht mehr als drei bis vier Stunden durch, die Kostüme sind empfindlich und werden leicht kaputt. 

Wen wirst du als nächstes darstellen?

Aqua aus Kingdom Hearts: Birth by Sleep, einen sehr positiver Charakter aus einem Videospiel. 

geschriebenes: karin opitz
fotografiertes: alexander bernold
illustriertes: mirjam riepl