DER NITSCH

Im Herzen ist er ein echter Weinviertler Kosmopolit, der Nitsch. Denn er liebt es, das Weinviertel mit seiner van Gogh’schen Farbpalette. Bereits seit 1971 ist der Künstler Hermann Nitsch hier ansässig. Sein Refugium: das barocke Schloss Prinzendorf, das jedoch mehr als nur Wohnstätte ist, denn in erster Linie ist es zugleich auch Arbeits- und Wirkungsort seiner Malerei sowie primärer Aufführungs- und Bühnenraum für sein Orgien Mysterien Theater.

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Nicht immer waren die Zeiten für den Künstler und Menschen Nitsch so »easy going«. A priori war er kein Künstler, der von der Öffentlichkeit und den Kunstrezipienten mit offenen Armen angenommen wurde. Es war kein Spaziergang, als er in den eigentlich wilden 60er Jahren in Wien gleich dreimal arretiert wurde. Begründung: Erregung öffentlichen Ärgernisses und Blasphemie. Mit seinen Wiener Aktionisten-Kollegen Otto Mühl, Günter Brus und Rudolf Schwarzkogler entstanden in diesen Jahren die ersten aktionistischen Performances in diversen Wiener Kellern, meist im 21. Bezirk, in Floridsdorf, wo Nitsch aufgewachsen und zur Schule gegangen war, und wo er mit seiner alleinerziehenden, verwitweten Mutter Helene in Zimmer-Küche-Kabinett gewohnt hatte. Nach seinem Studium an der Graphischen Versuchs- und Lehranstalt und einem festen Arbeitsverhältnis als Gebrauchsgrafiker im Technischen Museum ging Nitsch, ennuyiert von Österreich, der skandalunverträglichen Wiener Gesellschaft und dem Spießertum, Ende der 60er Jahre nach Deutschland. Das bayrische Harmating war dabei eine seiner längeren Stationen. Und, Nitsch lernte in dieser Zeit seine spätere, durch einen Autounfall früh verstorbene Ehefrau Beate kennen. Sie sollte auch Schlüsselfigur, respektive Initiatorin zum Erwerb des Schlosses Prinzendorf werden. Nitsch hätte sich selbst, wie er erzählt, weder an das »Projekt Schlosskauf« herangetraut, noch die finanziellen Mittel aufbringen können. Rund eine Million österreichische Schillinge kostete das damals marode Barockjuwel in Prinzendorf. Jahrzehntelang war es leer gestanden, als es die Vorbesitzer, die Klosterneuburger Chorherren, zum Verkauf anboten. Auch um den Kauf selbst ranken sich diverse Anekdoten und Histörchen. Tatsache ist, dass die Kirchenmänner alles andere als erfreut waren, als sie erfuhren, wer denn nun eigentlich der potentielle Käufer war und man versuchte sogar noch im letzten Moment vom Kaufvertrag zurückzutreten. However, wenn so mancher heute noch Nitsch und seiner Kunst kritisch gegenüberstehen mag, sollte man nichtsdestotrotz goutieren, dass er mit dem Schloss-Erwerb diese einmalige, historische Prinzendorfer Bausubstanz definitiv vor ihrem unabwendbaren Verfall gerettet hat. Dabei stets an seiner Seite und unter vielem anderen mit der Agenda Schlossrenovierung betraut, Rita Nitsch, die ihn nunmehr seit mittlerweile fast 30 Jahren nicht nur in Sachen Prinzendorf unterstützt.

Neben dem Weinviertel und dem Rest der Welt ist und war Italien immer schon eine der Hauptstationen für Nitsch und seine Aktionen. Mag es sein, weil Nitsch sich immer wieder der Motive und Elemente der katholischen und barocken Tradition, respektive des Christentums bedient und die Italiener dazu eine starke Verwurzelung haben – man weiß es nicht! Ob in Asolo, Neapel, Venedig oder Mailand, Nitsch wird als Meister seiner Kunst gefeiert wie nirgendwo anders. Ausstellungen und Retrospektiven wie kürzlich bei der Biennale in Venedig 2013 oder das monographische museo Nitsch von Pepe Morra in Napoli legen enthusiasmiert Zeugnis davon ab. 

Die ersten großen kontinuierlichen, künstlerischen Erfolge in Österreich und international konnte Nitsch ab Mitte der 80er Jahre verzeichnen. Große Häuser und Ausstellungsorte wie die Wiener Secession 1987 oder im Zuge der Biennale in Sydney 1988 luden den Wiener Aktionisten Nitsch ein. In Sydney erlebte Nitsch mit seiner 26. Malaktion ungewollt ein weltweites Medienecho, denn als er an den Piers des Hafens auf die über 30 Meter lange Leinwand Blut und rote Farbe schüttete, lockte das die Haie aus dem offenen Meer an. Folge: ein allgemeiner »Shark alert!« wurde ausgerufen! Peu à peu manifestierte Nitsch seine Reputation als ernstzunehmender Künstler Österreichs. Ein weiteres großes Haus, die Staatsoper in Wien, engagierte Nitsch für das Bühnenbild und die Ausstattung zu Massenets Oper Hérodiade 1995. Operndiva Agnes Baltsa, souverän in der Titelrolle, und der damalige Staatsoperndirektor Ioan Holender waren begeistert von den großflächigen Schüttbildern, deren rötlich-schwärzliche Töne ideal die bunten, Nitschen malhemdartigen Kostüme kontrastierten. 

Das bislang intensivste und wichtigste Kunstprojekt Nitschs ist sein 6-Tage-Spiel, das im Sommer 1998 erstmals in Schloss Prinzendorf aufgeführt wurde. Bereits 1959 entwickelte Nitsch das Theaterkonzept dazu. Der 21-jährige Nitsch wollte ein nonverbales Menschheitsdrama schreiben, das alles verbindet; ein episches Theater, mit dessen Hilfe die Geschichte des Bewusstseins nacherzählt werden konnte. Drohbriefe, Demonstrationen und Bombendrohungen inklusive eines zwischenzeitlichen Stopps der Spiele, verursacht durch die Polemisierungen eines österreichischen Boulevardblattes und die Intervention des damaligen niederösterreichischen FPÖ-Landtagsabgeordneten Hans Jörg Schimanek, waren die Folge. Sogar die französische Filmdiva und Tierschützerin Brigitte Bardot ließ sich damals vor den Hetzkampagnen-Karren spannen. Die Headline der Kronen Zeitung dieser Tage: »Monsieur Nitsch ist ein Barbar!« Seit damals ist es bedeutend ruhiger um das einstige enfant terrible der österreichischen Kunstszene geworden. Ruhiger allerdings nur im Sinne von skandalfreier. Der einstige »Blut-Nitsch« und »Schlächter des Weinviertels« schockt die Medienwelt nicht mehr wie noch vor zwei Jahrzehnten. Die Zeiten, als Nitsch als »Caligula von Mistelbach«, »Menschenfresser« oder »Hexer von Prinzendorf« tituliert wurde, sind Vergangenheit. Die öffentlichen Attacken sind milder und versöhnlicher mit ihm geworden, obwohl: Polarisation ist nach wie vor vorhanden und lodert von Zeit zu Zeit auf, wie beispielsweise als 2005 die Einladung vom Bollwerk der deutschen Sprache, dem Wiener Burgtheater, kam. Im November fand die 122. Aktion in den geheiligten Gefilden unter der Patronanz des damaligen Direktors der Burg Klaus Bachler statt. Rund sechs Stunden lang wurde bei winterlichen Temperaturen im und um das Burgtheater herum das Orgien Mysterien Theater gespielt und aufgeführt. Als krasses Pendant dazu hatte auf der vis-à-vis Seite des Burgrings der »good old« Wiener Christkindlmarkt am Rathausplatz bereits geöffnet. Ebenfalls im Jahr 2005 erhielt der mittlerweile mehrfach honoris causa ausgezeichnete Prof. DDr. Hermann Nitsch eine der höchsten Auszeichnungen und Dekorationen des Landes verliehen, den Großen Österreichischen Staatspreis. Privat liebt es der Nitsch eher bescheiden. Der gelassen-karge Duktus und die Einfachheit des Weinviertels entsprechen seinem persönlichen Rhythmus. Die Dionysische Verve dieser Region ist synergetische Befruchtung für sein Kunstschaffen und sein Gesamtkunstwerk. Dazwischen bewältigt er noch immer das Arbeitspensum eines omnipräsenten Vielbeschäftigten: Hongkong, Rom, Neapel, Bratislava heißen unter anderem allein noch für das Jahr 2014 die Stationen seiner Ausstellungstätigkeit.

»heilige häuser sind sie uns, die weinkeller, die presshäuser, wo die saftprallen weintrauben gekeltert, wo aller saft aus ihnen gepresst wird.«

Und auch die Weinviertler Bewohner haben sich in der Zwischenzeit ausgesöhnt mit diesem ihrem Nitsch. Vorbei die Zeiten, als man sich noch über ein großdimensioniertes Schüttbild Nitschs im Eingangsfoyer des Mistelbacher Landesklinikums alterierte, das präzise und gegenüber des Blutlabors die Blicke der Patienten empfängt. 2007 erhielt Nitsch hier in den Weinviertler Gefilden, mitten in Mistelbach, noch vor Neapel sein erstes monographisches Museum, das mittlerweile von der Nitsch Foundation geleitet wird. Anlässlich Nitschs 75. Geburtstages 2013 wurde die umfassende Retrospektive Sinne und Sein ebendort gezeigt, die alle Ebenen seines umfassenden künstlerischen Oeuvres aus sechs Schaffensdekaden beinhaltet.

GESCHRIEBENES: FREYA MARTIN
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD