virtual reality revolution

Im April 2014 räumten zwei TU-Studenten auf einer der führenden Fachmessen für Innovationen und neue Technologien in Europa, der Laval Virtual, Preise ab. Es folgten Einladungen von den wichtigsten Messeveranstaltern zum Thema Virtual Reality rund um den Globus. Cyberith stellte den Sommer über weltweit den Virtualizer vor und startete eine erfolgreiche Finanzierungskampagne auf Kickstarter. Der 24-jährige Holger Hager aus Ebendorf bei Mistelbach ist einer der beiden Studenten. Gemeinsam mit seinem Kollegen Tuncay Cakmak hat er eine der spannendsten Neuheiten der letzten Jahre im Virtual-Reality-Bereich entwickelt. miju sprach mit Holger Hager.

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Wie bist du auf die Idee gekommen, den Virtualizer zu entwickeln? 

Mein Studienkollege Tuncay Cakmak hatte 2012 die Idee. Er zeichnete und entwickelte erste Prototypen. Ab einem gewissen Punkt arbeiteten wir gemeinsam weiter. 

Hat nicht gleichzeitig eine andere Firma etwas Ähnliches entwickelt? 

Es ist interessant, dass zeitgleich Ideen entstehen. 2013 publizierte eine Firma in Texas das erste Mal über ein ähnliches Gerät, zu dieser Zeit arbeiteten wir schon am Virtualizer. Sie haben ein ähnliches Ziel, die Konstruktionsunterschiede sind jedoch markant. Wir legen Wert auf Immersion, man soll sich in die virtuelle Welt hineinversetzt fühlen. Bewegungsfreiheit ist dafür ausschlaggebend, ducken, hinsetzen, springen, den Menschen in seiner Bewegung nicht begrenzen und die Erfahrung so realistisch wie möglich gestalten. Der Ring kann nur bei unserem Virtualizer nach oben und unten bewegt werden. Wir nutzen flachen Boden, hier lässt sich besser simulieren, wie der Fuß natürlich auftritt.

Gelingt es wirklich, beim Laufen auf der glatten Oberfläche ein Gefühl von Vorwärtskommen zu vermitteln?

Man ist durch Gurte fixiert, an die man sich gewöhnt und die man bald nicht mehr wahrnimmt. Man läuft auf einer glatten Bodenplatte, die nur sehr geringe Reibung verursacht. Die Erfahrung ist sehr natürlich, ähnlich wie auf einem Laufband. 

Ist der Virtualizer nur in Kombination mit Oculus Rift verwendbar?

Ohne macht es nicht wirklich Sinn, die Brille ist dafür ein notwendiges Gerät. Oculus Rift ist zur Zeit führend, doch auch Sony wird ein Head-Mounted Display herausbringen. Der Virtualizer ist nicht nur mit Oculus Rift kompatibel, doch es ist derzeit das beste Head-Mounted Display, auf das wir Zugriff haben.

Eure Kickstarter-Kampagne ist recht erfolgreich verlaufen, habt ihr das erwartet? Wie viel der Summe, die ihr braucht, habt ihr schon beisammen?

Wir haben von Anfang an an den Erfolg geglaubt, rasch unser Ziel erreicht und sogar überschritten. 

Wie haben die Besucher bei der Präsentation auf der Gamescom in Köln reagiert?

Sehr interessiert. Zwischen 15.00 und 16.00 Uhr mussten wir ein Schild mit der Bitte sich nicht mehr anzustellen anbringen, damit alle Wartenden bis Messeschluss um 20.00 Uhr an die Reihe kamen. Wir stellten dort bereits im vergangenen Jahr das allererste Mal den Virtualizer öffentlich vor. Die heuer präsentierte Prototypengeneration gibt zusätzlich haptisches Feedback über Vibrationen. 

Ist Ebendorf bei Mistelbach wirklich ein Ort, von dem aus man eine solche Innovation entwickeln kann? 

Der Wohnort hat heute nicht mehr wirklich viel zu sagen, man arbeitet viel im Internet und kann von überall her auf Daten zugreifen. Seit kurzem haben wir jedoch relativ neu ein Büro in Wien. Wir sind mittlerweile ein Team aus zehn Leuten mit Spezialisten aus verschiedenen Bereichen: einem Software-Entwickler, einem Fachmann für Maschinenbau, einem Materialwissenschaftler und sogar einem Philosophen.

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Wie viel Platz braucht man für den Virtualizer?

Man kann ihn mit wenigen Schrauben in fünf Teile zerlegen. Die Bodenplatte hat einen Meter Durchmesser, die Steher ragen zusätzlich 30 Zentimeter nach außen. 

Wie viel Stück produziert ihr im ersten Schritt? 

Vorab werden die auf Kickstarter georderten rund 400 Stück von einem Produktionspartner in Europa hergestellt. 2015 folgt der Markteintritt mit einer größeren Anzahl an Geräten,dann wird der Preis allerdings höher sein als bei der Kickstarter-Kampagne. 

Wer hat über Kickstarter bestellt, waren es Privatpersonen, Vereine oder Firmen?

Das war sehr gemischt, auch von der Herkunft: Teils waren es Privatpersonen, hauptsächlich jedoch Spieleentwickler und Firmen. Etliche Kunden kommen aus exotischeren Ländern, vor allem aus Nordamerika und Europa, Singapur und Indonesien.

Mit Oculus Rift alleine soll man leicht die Orientierung im echten Raum verlieren. Löst der Virtualizer dieses Problem?

Er löst das Problem der Motion Sickness. Manchen Menschen wird übel, wenn optische Reize und Körpererfahrung nicht übereinstimmen. Beim klassischen Computerspielen ist die Blickrichtung immer dieselbe. Mit dem Virtualizer kann man in eine Richtung schauen, in eine andere Richtung zielen und in eine dritte Richtung gehen. Die Bewegungen stimmen mit der optischen Erfahrung überein.

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Welche Spiele sind mit dem Virtualizer verwendbar?

Alle Spiele, die man mit Oculus Rift spielen kann. Tastatur-, Mouse- und Game-Controller-Befehle lassen sich simulieren. Um das volle Potential zu nutzen, entwickeln wir ein SDK (Software Development Kit). Dafür stehen wir mit Entwicklern von Demos und Spielern in Kontakt, die das SDK einbinden werden, um auf alle Bewegungen und Daten des Virtualizers zugreifen zu können.

Ein weiterer Schritt zum Holodeck des Raumschiff Enterprises ist getan, lautet eine Beschreibung des Virtualizers. Ist das nicht auch eine Gefahr für labile Persönlichkeiten, den Bezug zur Realität zu verlieren?

Ich glaube, dass das auf keinen Fall passieren wird, und zwar aus einem Grund: Mit dem Virtualizer ist das Spielerlebnis ein anderes als beim klassischen Gaming, das vor dem Monitor stattfindet. Der Virtualizer kombiniert Virtual Reality Gaming mit einer sportlichen Tätigkeit, da bleibt man nicht acht Stunden am Tag drinnen. Wir sehen den Virtualizer nicht als Konkurrenz zum klassischen Gaming, sondern als Ergänzung.

Wie geht es bei dir persönlich weiter? 

Das Studium pausiert momentan, denn seit 2013 arbeiten wir sehr intensiv am Virtualizer. Es fehlen mir noch ein paar Prüfungen, die absolviere ich, wenn ein bisschen mehr Zeit ist. Ob ich in Österreich bleibe, kann ich nicht sagen, hier ist im Virtual-Reality-Bereich nicht viel los, Silicon Valley und die Bay Area um San Francisco sind die Hotspots. Dort war ich im März bei der Game Developers Conference, denn es ist wichtig, Kontakte aufzubauen und Kooperationen einzugehen, um gemeinsam die Virtual Reality vorwärts zu bringen und sie einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

GESCHRIEBENES: Karin Opitz
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD, Cyberith