zwei mit starkem rücken

Sie haben die gleichen Initialen. Und die gleiche Haarfarbe. Dass die beiden ein gewisses Interesse am Wein verbindet, ist anzunehmen. Das war’s aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Im Logo des Weinguts Ebner-Ebenauer stehen die »E«s Rücken an Rücken, denn Marion und Manfred stärken sich mit ihrer Unterschiedlichkeit eben diese.

Steve Haider

Steve Haider

Genau diese Unterschiedlichkeit macht das Weingut Ebner-Ebenauer zu dem spannenden Betrieb, den Poysdorf gerade noch gebraucht hat. Hat es tatsächlich, denn Marion und Manfred verpassen der Vielfalt der hiesigen Weinszene den letzten Schliff. Ein junges Paar, sie Wienerin, er Spross eines verwurzelten Poysdorfer Weingutes, will nicht krampfhaft modern sein. Die bewusste Ausrichtung an der großen, weiten Welt und die Faszination am Wein machen selbst die Weine unverkrampft modern.

In einer selbstverständlichen Weise strahlt sogar die Architektur des Weinguts dieses »Poysdorf-und-der-Rest-der-Welt« aus. Schließlich haben Manfreds Großeltern in Frankreich und Italien studiert, wodurch sie dem Weingut von vornherein einen internationalen Touch verpasst haben. Außen so typisch Poysdorf, dass das Weingut in der Laaer Straße fast unauffällig in der Häuserzeile untergeht, lässt man innen das Weinviertel hinter sich. Bei diesem Mix aus toskanischem Keller, der nach einem Brand von den Großeltern wiederaufgebaut wurde, modernen Glaselementen, einer Holzterrasse und dazu idyllischem Kopfsteinpflaster hört man plötzlich diese Stimme im Kopf, die sich fragt: Ob die wohl mit mir tauschen würden? Nur noch das Quietschen und Brummen der LKW auf der nahen Brünner Straße bringen verkostende Besucher ins Hier und Jetzt zurück. Die ausgeglichene und entspannte Atmosphäre im Weingut kommt spürbar von der Liebe zu Wein und gutem Essen, die das Winzerpaar lebt. Da wird eine Weinverkostung schnell zum kulinarischen Höhenflug, denn Marion bringt ihre Gäste erst einmal dazu, richtig anzukommen, loszulassen und den Wein so zu leben, wie sie es tut. Und dann kocht sie auf. Schließlich sollen große Weine auch in dem Kontext erlebt werden, der ihnen alle Ehre erweist.

Gäste zu empfangen ist aber nur eine Seite der Winzerin und Businessfrau von heute. Drei Monate im Jahr ist Marion unterwegs, denn exportiert wird mittlerweile in über 15 Länder. Ist sie in Poysdorf, arbeitet sie vom Büro aus an neuen Märkten, pflegt bestehende Kundenkontakte oder hat Verkostungen. Immer mit dabei ist Mokka, die Labradorhündin. Selbst sie ist keine Kostverächterin, denn ihren Namen hat sie wegen ihrer Vorliebe für frisch gebrühten Kaffee. Manfred ist währenddessen im Weingarten oder im Keller. »Hätte ich einen Job in Wien, würden wir uns nicht öfter sehen«, sagt Marion. Denn es sind nur die Abende, die ihnen bleiben. Manchmal aber nicht einmal das. »Es passiert ab und zu, dass meine Schwiegermutter spät am Abend anruft und fragt, wo ihr Mann bleibt, weil er und Manfred noch im Keller oder im Hof stehen bei einem Glaserl Wein. Das ist für mich diese typische Weinviertler Gelassenheit, wie man sie sich vorstellt.«

Ergänzende Gegensätzlichkeit

Immer in Gesellschaft, am Kommunizieren, am Gespräche-führen – Marion Ebner-Ebenauer kann es nicht abstreiten, dass sie den Termindruck und den Umgang mit Menschen genießt. Wobei Manfred dagegen ruhig, fast zurückhaltend wirkt. Er ist ja der Tüftler, der Intuitive. Selbst Marion ist jedes Jahr aufs Neue überrascht, wie viel Gespür Manfred von Jahrgang zu Jahrgang für die Weine hat. »Wenn ich schon hoch nervös bin, weil ein Wein nicht gären will, ist Manfred völlig ruhig und weiß genau, was zu tun ist, und damit hat er immer Recht«, ist Marion fasziniert. Deshalb hat er das letzte Wort im Keller und wenn es um den richtigen Zeitpunkt des Abfüllens geht. Dabei ist Manfred Ebner-Ebenauer zwar weinbaulich vorbelastet durch seine Familie, wusste allerdings erst in einem trockenen Buchhaltungsseminar während des Wirtschaftsstudiums, dass es sich den Lebensunterhalt mit trockenen Weinen spannender verdienen lässt.

Ich glaub, da wird es mir gefallen

Die mädchenhafte Faszination für Pferde führte Marion in eine landwirtschaftliche Ausbildung. Sie schloss die Schule als Weinfetischistin ab, die sich irgendwann einmal für Pferde interessiert hatte. Während eines Praktikums bei Wiens Vorzeige-Biodynamiker Wieninger ging Marion die Winzerei in Fleisch und Blut über. Nicht nur, dass sie in dem Stammersdorfer Weingut vom Kochen bis zur Weingartenarbeit alles kennen und lieben lernte. Viel mehr noch veränderte Altchefin Barbara Wieninger Marions Lebenstempo, ganz nach der Devise »Rechts ist das Gas«. Danach ging sie nach Krems, um den Weinmanagement-Lehrgang zu absolvieren. Als sie ihren Koffer im Wohnheim die Stiegen hinaufschleppt, sieht sie einen großen, feschen Kerl mit dunklen Locken in der hinteren Ecke des Gemeinschaftsraumes stehen. »Ich glaub’, da wird es mir gefallen«, schießt es ihr durch den Kopf.

Manfred war der gelockte Herr in der hinteren Ecke des Aufenthaltsraumes. Als er eine junge Dame mit rotem Mantel einen riesigen Koffer die Stiegen hinaufschleppen sieht, denkt er plötzlich: »Ich glaub, da wird es mir gefallen.« Es entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen den beiden. Nach der Ausbildung beginnt Marion bei Wein & Co und baut die Wein & Co-Bar am Stephansplatz auf. Hier besucht Manfred sie öfter, bis dann schließlich diese Verbindung entsteht. Ob es ihr wohl schwer gefallen ist, von der Großstadt in die Kleinstadt zu gehen? Poysdorf ist für die Wienerin eine schöne kleine Stadt und mittlerweile ihr Zuhause. Hier hat sie die Freiheit, alles neu kennenzulernen und zu entdecken, hier sieht sie alles objektiver. Wenn dann noch das kulinarisch und kulturell vielfältige Angebot Wiens ins Weinviertel käme, wär’s fast perfekt.

»David Schildknecht from America calling«

»Geh, Hansi, hör auf mit dem Witz!« ist eines Tages Marions Antwort auf einen Anruf, bevor sie auflegt. Zu dieser Zeit, mit jugendlichen 22 Jahren, hat sie bereits ihren eigenen Wein. Melusine ist eine Figur von Goethe und Namensgeberin für Marions Wein, für den sie Weißweintrauben aus dem Kamptal und Rotweintrauben aus Carnuntum bezieht. Von Melusine produziert Marion 2.400 Flaschen pro Jahr, bringt ihren Wein bei High-End-Vertrieben wie Meinl am Graben, Palais Coburg unter und exportiert viel in die USA. Bis eines Tages der Österreich-Verkoster des internationalen Leitmediums Wine Advocate anruft: »David Schildknecht from America calling.« Für Marion konnte das nur der Witz eines Freundes sein, für Mr. Schildknecht war es bitterer Ernst. »Gott sei Dank war er hartnäckig und hat noch einmal angerufen«, schmunzelt Marion heute über ihren Fauxpas. Von Melusine muss sich die Weinwelt verabschieden, als Marion zum ersten Mal im Weingarten in Hermannschachern kniet und der feine Muschelkalk Poysdorfs ältester Weinriede durch ihre Finger rieselt. Als sie und Manfred das Weingut in Poysdorf übernehmen, ist es für Marion Zeit, sich auf das neue Lebensprojekt und Weine aus eigenen Weingärten zu konzentrieren.

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Mit Romantik allein lässt sich aber kein Weingut zum Erfolg führen. Deshalb beginnen Marion und Manfred mit einer Bestandsanalyse, um darauf einen Businessplan für das junge Weingut Ebner-Ebenauer aufzubauen. Sogar Bodenproben entnehmen sie, um zu erfahren, welche Weine möglich sind. Um komplexere Weine produzieren zu können, erhalten die EEs die alten Rebanlagen. Der älteste Weingarten ist mittlerweile 66 Jahre alt. Das ist aber ganz und gar nicht üblich für Poysdorf und das Weinviertel, weil ein alter Weinstock nicht mehr den Ertrag bringt, den sich die meisten Weinbaubetriebe wünschen. Dieses Risiko gehen die EEs aber gerne ein, daher werden die Reb-Oldies gehegt und gepflegt, damit Marion und Manfred in ferner Zukunft mit ihnen gemeinsam in Pension gehen können. Wenn man sich anschaut, was man hat und entschließt, was man daraus machen will, ist ein klares Nein manchmal nicht zu vermeiden, denn »man muss nicht alles machen, wenn man dabei seine Eigenständigkeit verliert«, ist Marion Ebner-Ebenauer überzeugt.

Auch bei der Produktion sind die Ebner-Ebenauers etwas anders. Sie ernten ausschließlich per Hand, selektionieren im Weingarten und im Keller entwickeln sie sich immer mehr in Richtung Vater Ebenauer. Denn sie arbeiten mit natürlichem Gefälle, um dem Wein das Pumpen zu ersparen. Schwefel sieht er überhaupt erst bei der Füllung. Die meisten Weine vergären spontan und reifen in vier bis fünf verschiedenen Gebinden getrennt voneinander heran, bevor sie sich in der Flasche begegnen. Das Ziel für die nächsten zehn Jahre ist schließlich, mit ihren feingliedrigen Lagenweinen zu den besten Winzern Österreichs zu gehören und den Betrieb ein wenig mehr genießen zu können. Bis dahin entspannt sich das Paar bei einem salzigen Burgunder oder deutschen Rieslingen. So richtig Privatperson ist Marion aber nur, wenn sie diese Weine ganz retro aus einem kleinen Stifterl trinkt, denn sobald sie ein Stielglas zwischen den Fingern schwenkt, versinkt die Winzerin wieder in der Analyse. Dazu wird gemeinsam aufgekocht oder Manfred gibt sich seiner Leidenschaft, der Grillerei, hin, für die er schon einmal eine Nacht lang über Büchern brüten kann, denn für ihn ist Grillen nicht einfach die Begegnung von Feuer und Fleisch. Die großen Burgunder Frankreichs findet man in der Stilistik der EE’schen Burgunder wieder. Sie machen Burgund zu Manfreds zweitliebstem Weinbaugebiet, gleich nach dem Weinviertel freilich. Und Marion könnte sich vorstellen in der Champagne zu werken. Doch in Poysdorf gibt es auch reichlich zu tun für die Beiden.

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD, steve haider