die substanz eines kreativen
miju #28, AUG’18

Im Spannungsfeld zwischen Zufriedenheit im Inneren und kreativer Darstellung auf der Bühne, zwischen dem Wienerwald als Heimat und dem Weinviertel als Schaffensort, zwischen der Ausbildung Technik und dem Beruf Schauspiel, zwischen einem verfallenen Gutshof im Jetzt und dem Filmhof Asparn in der Vision, ja sogar zwischen dem Hund als Begleiter und der Schildkröte als Haustier – genau da findet Michael Rosenberg statt. Ein Kreativer mit so viel Substanz.

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Jugendlich frisch, mit sportlichem Esprit zischt er vom Gastgarten im Filmhof Asparn hinunter zur Lieferanteneinfahrt, klärt dort ein paar Fragen und kehrt flott zurück ins Café. Die harte, recht kurze Nacht merkt man Rosenberg kaum an. Dienstag wurde nämlich bis 6 Uhr in der Früh die Premiere des aktuellen Stücks Bezahlt wird nicht gefeiert: »Die mittlerweile seltenen Exzesse ... nein, wir sind nur gemütlich zusammengesessen bei ein paar Achterl Wein.« Michael Rosenberg ist da in der Hauptrolle zu sehen, Regie führt Viktoria Schubert und geschrieben hat es Dario Fo, Vertreter der modernen Farce und des politischen Theaters. Ernster Hintergrund komödiantisch transportiert, so könnte eine Schlagzeile über das Bühnenwerk lauten. Die Preise steigen, die Löhne hingegen nicht, das Leben wird unleistbar. So weit – so tragisch und so real. Doch lösungsorientierte Hausfrauen vermeinen, das Problem zu beheben, indem sie ihre Einkäufe einfach nicht bezahlen, und so verschwinden zahlreiche Lebensmittel und Konsumgüter kurzerhand unter der Kleidung ihrer Männer und Kinder. Schwangere allerorts. Dem ORF gefällt’s, schickt er doch gleich drei Teams zur Premiere. Und das gefällt dem Michael Rosenberg.

»Ich war vor 15 Jahren sozusagen einer der Pioniere im Weinviertel, es war damals extrem schwierig hier«

Momente wie dieser müssen dem Schauspieler damals vor 15 Jahren vorgeschwebt sein, als er den extrem verfallenen Gutshof in Asparn an der Zaya gekauft hat. »Das war damals so: Ich hatte ja die Internationale Sommerakademie für Film & TV gegründet. Das Land NÖ hat damals gesagt, sie brauchen was in Asparn, und der damalige Bürgermeister, Heinz Eberlein, war auch sehr dahinter. Wir durften auf diesem komplett verfallenen Gutshof Nachkriegsfilme drehen, immerhin haben wir ja auch 8.000 Nächtigungen hergebracht. Dann habe ich gespürt, dass ich den Platz will und der Platz mich will. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, was ich damit machen werde.« Und so hat sich Michael Rosenberg mit Mitte Dreißig seinen eigenen Männerspielplatz geschaffen, wie er es nennt. Die alten, meterdicken Gemäuer, die vielen Geschichten, die sie zu erzählen hatten, all das war die Substanz, die den Rosenberg in ihren Bann zog.

»Ich war vor 15 Jahren sozusagen einer der Pioniere im Weinviertel, es war damals extrem schwierig hier«, erinnert sich der blonde Frohsinn. Auch was das Angebot rundherum, die Gastronomie etwa, anging, waren einige Dinge noch lange nicht en vogue. Was ist Aperol? Wozu Spritzer im Stilglas? Da hat sich mittlerweile viel getan. Dennoch ist der vielbeklagte Neid, mitunter Missgunst, immer noch spürbar. »Es gibt immer noch Leute, die glauben, wir würden hier Steuergelder verschwenden, dabei ist das alles privat finanziert«, versteht der Intendant des Filmhofs Asparn das Unverständnis – da er im Gegenteil von Anfang an zum Ziel gehabt hat, Mehrwert in die Region zu bringen – nicht. »Für mich war von Beginn an klar, dass ich mit qualitativen Partnern aus der Region zusammenarbeiten möchte anstatt mit Billiganbietern von jenseits der Grenze. Ich bringe der Region also auch etwas zurück«, betont der mittlerweile 51-Jährige, der sich nunmehr als Geerdeter fühlt und so etwas nicht mehr so eng sieht. Zu sehr liebt er diesen Platz, um sich über Kleinigkeiten zu ärgern. Immerhin musste Rosenberg während der Umbauphase einige Entbehrungen hinnehmen, zum Drehen kam er nur selten. Zumindest Filme nicht, da konnte man Rosenberg erst 2005 wieder in Vier Frauen und ein Todesfall sehen. Aber für Serien wie Tatort oder der ORF-Produktion mit Thomas Brezina im Kinderprogramm Tom Turbo stand Rosenberg vor der Kamera. Darüber hinaus weiß der gebürtige Eichgrabener, dass auch manch Wienerwäldler seinem bekannten Regionalklischee des toleranzbefreiten Grieskrams treu bleibt, und kann mithin mit vereinzelten Eigenheiten ganz gut leben.

© Martin Hesz

© Martin Hesz

»Es gibt Menschen, die wissen mit meinem Alter nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, ich aber bräuchte zwei Leben, um alles zu machen, was ich gerne möchte«

Wenn Rosenberg jetzt hier im Café Cine sitzt und in den Garten hinausschaut, hat für ihn alles seine Richtigkeit: »Ich liebe diesen Platz … den Gingko, der war ein kleines Büscherl, als ich ihn vor acht Jahren gepflanzt hab, jetzt ist er zwei Meter hoch, oder die Elefantenfüße in den Töpfen am Eingang, auch die waren ganz klein.« Dieser Anblick hat Substanz. Und dieser Anblick erinnert ihn an seinen Hund, der ihn viele Jahre begleitet hat, der genauso wie sein Herrl diesen ehemaligen Gutshof und seine Besucher geliebt hat. Derzeit erweisen sich Schildkröten als pflegeleichter, aber ein Hund soll definitiv irgendwann wieder kommen. Dann gibt es noch das Radfahren in Rosenbergs Leben und Motorradfahren ist eine ebenso große Leidenschaft. 2015 etwa radelte er bis zur südlichsten Stadt Festlandeuropas, dem 3.500 km entfernten Tarifa in Andalusien. Aber nicht einfach so zum Spaß, sondern für das Benefizprojekt »Mein Körper gehört mir«, das sich die Prävention von Kindesmissbrauch an die Fahnen geheftet hat. Unterstützt wurde er dabei von Radprofi Bernhard Kohl, den Rosenberg sehr schätzt. Menschlich und weil er ihm viel zu verdanken hätte. Immerhin konnte der Schauspieler 22.000 Euro Spendengelder mit dem Projekt AT-2015 einfahren. Die beiden verbindet seither eine enge Freundschaft und so veranstalten sie jedes Jahr im September die Radtour Bernhard Kohl & Friends mit Start am Filmhof Asparn. »Es gibt Menschen, die wissen mit meinem Alter nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, ich aber bräuchte zwei Leben, um alles zu machen, was ich gerne möchte«, resümiert der Mann mit den vier Vornamen.

Sein Gespür für die wahre Substanz im Leben sieht Michael Franz Josef Erich in seiner jüdischen Abstammung begründet, denn auch seine Mutter hätte diese Überzeugung in sich gehabt, das sei eben so in der jüdischen Kultur. Kindern werde abgewöhnt zu träumen, bedauert Rosenberg: »Du musst was G’scheits lernen, du musst dies und das können … dabei bleiben Instinkte  und ein gewisser Sinn völlig auf der Strecke. Wenn man zum Beispiel einem Kind eine Sonnenbrille gibt, studiert es die stundenlang, der Erwachsene tut das nicht mehr, der sieht nur eine Sonnenbrille darin. Im Schauspielunterricht wird aber genau dieser kindliche Fokus wieder geschärft. Da sollst du eine Geschichte erzählen über ein Kaffeehäferl. Am Anfang bist du in einem Satz damit fertig, nach zwei Monaten, wo du dieses Ding ständig anstarrst, kannst du darüber stundenlang erzählen, da fallen dir Geschichten über Kaffespuren im Häferl ein, vielleicht hat es einen kleinen Sprung, auch dazu fällt dir plötzlich etwas ein. Genau diese gesellschaftliche Erwartung, die bereits bei Kindern durchgesetzt wird, habe ich in meinem ersten Soloprogramm verarbeitet.« 

Herz oder Niere, das aktuelle Solokabarett, das im September startet, spinnt diese Gedanken auf die nächste Ebene. Und zwar ist das die Zufriedenheit. »Was ist Zufriedenheit? Wann ist jemand zufrieden?«, fragt Rosenberg. Jemand kann zufrieden sein durch Hab und Gut, ein großes Haus, einen Pool oder ein Auto. Ein anderer wiederum ist zufrieden, wenn er mit der Angelrute am Teich sitzt und aufs Wasser schaut. Zufriedenheit ist mindestens so vielfältig wie Rosenbergs Vornamen. Welche Substanz sie hat, muss jeder für sich entdecken.

»Ich kann auch gut von Butterbrot leben, genauso gut wie von Fine Dine und gutem Wein.«

Der heutige Intendant hat in seinem Leben schon viele Richtungen eingeschlagen. Als Jugendlicher wollte er eigentlich Pilot werden. Da hat es geheißen, dazu müsse man zuerst etwas Technisches lernen. Deshalb ging Michael zur HTL für Maschinenbau. »Ich war aber nie der technische Mensch, eher noch ein Verkäufer«, erzählt er. Mit nur 23 Jahren war er dann selbstständiger Textilgroßhändler. Da Rosenberg aber schon immer einen Hang zur Schauspielerei hatte, bewarb er sich an der Schauspielschule. 100 Bewerber ritterten da um 8 Plätze, Rosenberg erlangte einen davon. Eine Fecht- und Bühnenkampfausbildung folgten. Die Schauspielerei war nie so richtig hartes Brot für den Intendanten, recht bald bekam er ein Engagement am Wiener Volkstheater. Anfangs musste er wohl noch nebenbei jobben, aber: »Ich kann auch gut von Butterbrot leben, genauso gut wie von Fine Dine und gutem Wein.«

2000 aber dann ein schwerer Rückschlag, der letztendlich auch sein Gutes hatte, so unglaublich das anmuten mag. Bei einem Unfall riss es Michael Rosenberg ein Bein ab. Aber: »Das war eine Reinigung in meinem Leben. Da merkt man erst, dass es so viele Türen im Leben gibt, die man vorher gar nicht sieht. Wir lernen so viel Blödsinn, werden mit so viel Wissen in der Schule zugedonnert und verlernen gleichzeitig das, was unsere Urinstinkte uns mitgegeben haben. Wir lernen zum Beispiel nicht, wie wir mit Konflikten umgehen oder uns selbst vor Unfällen oder Krankheit schützen.« Der Mann im Spannungsfeld seiner höchst konträren Ausbildungen und Professionen hat also durch einen schweren Unfall erkannt, dass die Substanz fehlt. Oder durch seine Mutter. Wer weiß?

Ein Mensch mit so vielen Berufen, Ausbildungen und Interessen braucht wahrscheinlich mindestens vier Vornamen, um diese vielfältige Persönlichkeit einzufangen. Rosenberg hat sich als Intendant mit dem Filmhof Asparn einen Männerspielplatz geschaffen, mit dem er die Substanz des Lebens gefunden hat, den Ausgleich des Spannungsfeldes zwischen Technik und Kreativität, zwischen Hund und Schildkröte, zwischen Wienerwald, Wien und dem Weinviertel. Und was der Männerspielplatz für ihn, ist der Gewinn für die Region.  

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD, Martin Hesz