märchenhafte wirklichkeit
miju #21

Märchenhaft in Szene gesetzt und doch hoch professionell. Das Schauspiel im Schloss Poysbrunn verzaubert bereits zum zwölften Mal. Federführend für den Niederösterreichischen Märchensommer ist Nina Blum, die auch in ihrem echten Leben ihre höchst vielschichtigen Rollen als Psychologin, Schauspielerin, Regisseurin und Mutter glanzvoll darbietet und damit ganz realistisch ein märchenhaftes Leben führt.

BiancaPeterPanAqua.jpg

Da fliegt ein kleiner, grüner Wicht, ein Bursch, der partout nicht erwachsen werd will, durch die Bäume. Dort zaubert eine illustre Fee, die so gerne ein Mensch wär, den Leuten einen Streich. Mittendrin hält eine zierliche Gestalt mit kurzem Haar und großen, blauen Augen die Fäden in ihren zarten Händen. Das Ganze spielt im Schloss Poysbrunn und die zierliche Frau ist Nina Blum, die Regisseurin des Niederösterreichischen Märchensommers, der 2017 die Geschichte von Peter Pan und Tinkerbell erzählte.

Sieben Profischauspieler, teilweise aus dem Musicalbereich, gestalten das interaktive Wandertheater, das Jahr für Jahr Hunderte Besucher in das kleine Dorf nahe der Weinstadt Poysdorf lockt. Unterstützt werden die Akteure dabei von über 30 Kindern aus der Region. Und von den Zuschauern, die man im Falle des Märchensommers vielmehr als Teilnehmer bezeichnen kann. Denn Nina Blum erschafft mit dem Märchensommer ein ganz besonderes Theaterkonzept. Eines, bei dem sich der Zuschauer mitten in der Geschichte wiederfindet, anstatt am Rande des Geschehens zu sitzen. Und eines, bei dem der Zuschauer sich bewegen muss. Denn die Geschichte teilt sich und die Gäste, vielmehr Teilnehmer, können nach der gemeinsam gespielten Einleitung wählen, welchem Charakter sie folgen. Immer dabei ist die Möglichkeit mitzutanzen und mitzusingen. Man wandert also von Station zu Station und erlebt dabei, anstatt nur zuzusehen. Nach dem Stück von etwa 90 Minuten Dauer ist der Familientag noch lange nicht vorbei. Die Gäste bleiben im Schloss oder im Schlosspark, die Kinder können spielen, es gibt eine Jause und für die Erwachsenen freilich ein Glas Wein, immerhin sind wir im Weinviertel. »Ich wollte ein Theater für die ganze Familie gestalten, ein Familienfestival. Eltern, Tanten, Onkeln, Großeltern sollen einen gemeinsamen Nachmittag verbringen können, an dem sie miteinander etwas erleben. Ein Theater, bei dem die Eltern ihre Kinder abgeben und nach zwei Stunden wieder abholen, sollte es auf keinen Fall sein«, sagt die Regisseurin, die selbst junge Mutter ist und in dieser Rolle ganz besonders glänzt.

»Damit gibt es im Märchensommer jedes Jahr eine Uraufführung«

Ihr zur Seite steht Michaela Riedel-Schlosser als Autorin. Gemeinsam hat das Duo anfangs ganz eigene Märchen geschrieben, seit 2014 bearbeiten sie vorhandene Märchenstoffe neu. So auch die heurige Vorstellung Peter Pan und Tinkerbell. »Damit gibt es im Märchensommer jedes Jahr eine Uraufführung«, erläutert Blum, was aber nicht nur für die Darbietung selbst gilt, auch die musikalische Begleitung stammt aus eigener Feder des Märchensommer-Teams, »damit bieten wir zu unseren Stücken immer eigene Kompositionen«.

CF043966.jpg

»Ich habe eine eigene Liebe zu Märchen, weil sie mit ihren archaischen Themen, Gut gegen Böse, für Erwachsene und Kinder funktionieren«

Die umtriebige Wienerin war bereits vor ihrem Märchensommer-Projekt viel beschäftigt, aber im Sommer wollte sie gerne etwas für Kinder machen. »Ich habe eine eigene Liebe zu Märchen, weil sie mit ihren archaischen Themen, Gut gegen Böse, für Erwachsene und Kinder funktionieren«, erklärt Blum, warum ihr der Märchensommer ein Herzenswunsch war. Mittlerweile ist die alljährliche Darbietung super etabliert: »Wir haben Stammpublikum, das natürlich immer wieder rauswächst, aber es kommt immer neues nach.« Von der Unterstützung durch die Gemeinde Poysdorf und freilich besonders durch den Ort Poysbrunn sind Nina Blum und ihr Team sehr angetan: »Poysbrunn hat sich ja selbst mit dem Titel Märchendorf eine Identität gegeben. Da arbeitet es sich viel schöner, wenn man weiß, dass das ganze Dorf dein Projekt mitträgt.« Von den Förderungen des Landes alleine wäre so eine aufwendige Inszenierung aber nicht finanzierbar, da braucht es zusätzliche Sponsoren, aber auch das funktioniert gut.

Dabei war die Suche nach Blums Traumschloss gar nicht so leicht. Ursprünglich war der Märchensommer im Schloss Thürnthal in Fels am Wagram. Das ist nur leider sehr baufällig und die engagierte Schauspielerin, Regisseurin und Intendantin in Personalunion muss sich auf die Suche nach einem neuen Schloss machen. Ganz Niederösterreich durchforstet sie, bis sie sich in das kleine Nest im äußersten Norden des Weinviertels verirrt. »Bei Poysbrunn war ich mir vom ersten Augenblick an sicher, ich dachte damals schon beim Durchqueren des Portals, das ist es«, erinnert sie sich. Immerhin gibt es für ein Projekt wie den Niederösterreichischen Märchensommer eine Reihe kompromissloser Kriterien, die der Veranstaltungsort erfüllen muss. Es musste ein Schloss sein, wo man innen und außen spielen kann, ein Schloss, dessen Besitzer die Idee mitträgt, in einer Gemeinde, die mitmacht und das Projekt unterstützt. All das hat Nina Blum in Poysbrunn gefunden und noch viel mehr: »Das Weinviertel war für mich Liebe auf den ersten Blick. Diese ganz eigene Atmosphäre in dieser ruhigen Landschaft. Und erst die Weinseligkeit.« Nina Blum grinst dabei herzlich. Außerdem ist das damals so verschlafene Weinviertel noch Geheimtipp, was es gerade im Sinne eines märchenhaften Sommers so interessant macht. Ein Schloss im Dornröschenschlaf.

»Das sind jährlich die kleinen Herausforderungen, die mit einem super professionellen Team toll funktionieren«

Ans Aufhören denkt Blum noch lange nicht, schließlich gibt es noch so viele Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt und damit den Job immer spannend machen. Heuer lassen sie immerhin Peter Pan im Poysbrunner Schlosspark von Baum zu Baum fliegen. »Das sind jährlich die kleinen Herausforderungen, die mit einem super professionellen Team toll funktionieren«, sagt die Schauspielerin. Besonders freut sie sich darauf, dass die Autobahn bald bis Poysbrunn geht und damit das Anfahrts­thema geklärt ist, denn das wäre das einzig Mühsame. »Vielleicht«, denkt Blum nach, »habe ich Lust, in zehn Jahren etwas anderes zu machen, aber derzeit freue ich mich jedes Jahr, Neues im Märchensommer umzusetzen.« Es bleibt ihr ja auch nicht viel Zeit zur Langeweile, denn Nina Blums Job beim Märchensommer ist zweigeteilt. Zum einen ist da der Regiejob, um das Stück in Szene zu setzen. Proben von bis 8 Stunden am Tag sind keine Seltenheit, damit sie mit den Schauspielern die Figuren erarbeiten kann. Der zweite Teil ist der Job als Intendant, ein Managementjob, bei dem Sponsoren organisiert werden wollen und das ganze Drumherum.

CF044089_Coverfoto.jpg

Obwohl Nina Blum in ihrem Berufsalltag ständig Kreativität mit trockenem Management verbinden muss, bleibt dennoch Raum für Spaß. Als sie etwa das Stück Schlossgeflüster aufführen, trägt einer der Schauspieler ein dickes Katzenkostüm. Bei der Derniere, der letzten Aufführung, will das Ensemble sicherstellen, dass es die Katze auch tatsächlich warm genug hat, und stellt ihm einen Heizstrahler auf. »Der Arme wusste nicht, wie ihm geschieht«, lacht die Regisseurin über die Gags, die ihrem Team immer wieder einfallen. Den Winzer, der den Niederösterreichischen Märchensommer mit Wein versorgt, erklären die Schauspieler etwa kurzerhand zum Märchenkönig samt Krönung. Auch die Flexibilität und der Zusammenhalt machen die Arbeit eines Künstlers zur reinen Freude. So verschwindet beispielsweise bei Alice im Wunderland eines der drei Alice-Kostüme. Der Kostümbildnerin bleibt auf die Schnelle nichts anderes übrig, als rasch nach Mistelbach zu düsen und dort in den lokalen Geschäften nach Alice-Tauglichem zu suchen.

»Ich bin kein Mensch, der ewig plant, aber die nächsten fünf bis zehn Jahre kann ich mir das gut vorstellen, mein Kabarett und das Rosenburgfestival weiter zu betreiben«

Nina Blum beschäftigt sich gerne und das vielfältig. Eigentlich ist sie ja Psychologin und Mediatorin, was sie übrigens auch beruflich ausführt. Erst nach dem Psychologiestudium absolviert sie die Schauspielschule, denn bereits nach der Matura hatte sie die Überlegung, ob sie auf das Reinhardseminar gehen sollte, um Regie zu studieren. Neben dem Märchensommer und ihrem Beruf als Mediatorin und Psychologin – der ihr übrigens in ihrem Regiejob im Umgang mit dem Schauspielteam sehr hilfreich ist – spielt sie mit Martin Oberhauser Kabarett in Wien, ein schöner Kontrast zum Märchensommer, weil das Thema so ganz und gar nicht kindertauglich ist. Dem nicht genug, liegt Nina Blum das Rosenburgfestival im Waldviertel sehr am Herzen. Und dann ist da noch die kleine Elsa, denn die Mittvierzigerin ist seit einem halben Jahr auch noch Vollblutmama. »Ich bin kein Mensch, der ewig plant, aber die nächsten fünf bis zehn Jahre kann ich mir das gut vorstellen, mein Kabarett und das Rosenburgfestival weiter zu betreiben«, sagt die Tochter eines ehemaligen Bundeskanzlers, die selbst aber mit hoher Politik nicht viel zu schaffen hat. Ihr Fokus liegt momentan darauf, die Zeit mit Elsa zu genießen: »Sie ist ein Herzenswunschkind und ich möchte die nächsten zwei bis drei Jahre viel Zeit für sie haben.« Dabei ist die junge Mutter jetzt schon überrascht, wie gut das geht, die kleine Else in diesem Job zu integrieren und sie mitzunehmen. »Sie ist ein halbes Jahr jung und jetzt schon ein Theaterkind«, strahlen Ninas Augen noch blauer. Nicht, dass ihr Mann Nina mit der Kinderbetreuung alleine lassen würde, nein, als Vater dreier erwachsener Kinder weiß er bereits, worum es geht, aber als stillende Mutter hat Nina die nächste Zeit zumindest noch ein gewisses Monopol auf die Kleine inne.

Rationalisten mag es nun schwerfallen, nachzuvollziehen, wie man einen stabilen Beruf gegen einen in der Kunst eintauschen kann. Doch man könne in Österreich durchaus von der Kunst leben, müsse aber breit aufgestellt sein, gibt Blum zu bedenken und verweist dabei auf ihre vielen Projekte: »Wenn man unflexibel ist, wird es schwierig. In der Vielfalt geht es leichter.« Es gab auch immer wieder Dinge für sie, die sperriger waren, die hat sie schnell sein lassen, und dann gibt es Dinge, die immer einen guten Flow für die Künstlerin hatten, wie ihn der Märchensommer für sie hat, und deshalb ist dieses Projekt eine stimmige Sache. Und vielleicht wird auch bald die kleine Else das Märchenschloss Poysbrunn mit beherztem Schauspiel verzaubern.

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD