konstant variabel
miju #22, AUG’17

Blauer Anzug, faltenfrei, der Kragen sitzt. Die Fingernägel ganz Natur ohne Lack, aber die zerzausten Locken sind geblieben. Für soviel Furore der Rainer Schönfelder einst auf den Skipisten dieser Welt gesorgt hat, so adrett erscheint er heute als Geschäftsmann, der in Mistelbach ein großes Immobilienprojekt realisiert. Aber das muss noch nicht alles gewesen sein vom Kuchen Rainer Schönfelder, da ist noch Potential für Variablen.

Eigentlich wäre das gar kein so gravierender Stilbruch im allgemeinen Bild über den wohl buntesten Skirennläufer aller Zeiten. Slalom war ja auch beim Skifahren Rainer Schönfelders Köngisdisziplin, also warum nicht auch danach. Dass er von der Piste in den Investmentsektor und Immobilien umgeschwenkt ist, will der gebürtige Kärntner so nicht sagen, immerhin hat er sich schon während seiner Sportkarriere damit beschäftigt, nur hat er das nie auf die große Glocke gehängt. Bereits seit 20 Jahren ist Schönfelder in dem Thema drin: »Ich habe 1996 in Stams maturiert und hatte schon zur Schulzeit einen großen Faible für Kalkulieren und Rechnen. Investmentwelt, Aktien, Immobilien, Veranlagung, in diese Themen bin ich schon seit der Matura hineingerutscht und meine Firma You will like it Investment mit der Tochterfirma You Will like it Living ist jetzt das Ergebnis davon.« Eine zweite Schiene ist COOEE Alpin, ein Hotelprojekt, das er gemeinsam mit Hermann Mayer betreibt.

„Wir haben von Anfang an auf Augenhöhe miteinander geredet und das Projekt, so wie wir es uns vorgestellt haben, umgesetzt. Das haben wir in anderen Gemeinden schon anders erlebt.“

Dass er gerade Mistelbach als Standort für sein Immobilienprojekt ausgesucht hat, sieht  der zweifache Bronzegewinner bei Olympia nicht als Zufall: »Am Ende ist vielleicht immer ein Quäntchen Glück und Zufall dabei. Aber ich lebe selbst seit 15 Jahren in Wien und habe eine Tochter mit 4einhalb Jahren. Und aus meinem Wiener Bekanntenkreis weiß ich, dass es in Wien bereits schwierig ist zu leben, was das Finanzielle betrifft.« Mit seiner You will like it hat er deshalb eine Marktanalyse durchgeführt und gesehen, dass es in Wien schon sehr eng zu geht von den Angeboten und Preisen her. Deshalb die Idee, einhergehend mit seiner privaten Situation im Freundeskreis, an den Speckgürtel von Wien auszuweichen, und Mistelbach gehört für Schönfelder dazu. Hinzu kommt, dass die Stadtgemeinde Mistelbach, angefangen beim Bürgermeister bis hin zu allen Beteiligten von Anfang an sehr kooperativ war: „Wir haben von Anfang an auf Augenhöhe miteinander geredet und das Projekt, so wie wir es uns vorgestellt haben, umgesetzt. Das haben wir in anderen Gemeinden schon anders erlebt.“

Mistelbach ist gemessen an Nachbargemeinden in der Region teuer, aber verglichen mit Wien oder dem Süden von Wien wiederum sehr günstig. »Und es ist von der Infrastruktur her, mit seiner Verkehrsanbindung, dem Öffentlichen Verkehr, Schulen, Museen, der Einkaufssituation und so weiter sehr gut aufgestellt. Von unserer Baustelle sind zwei Supermärkte fußläufig entfernt«, schwärmt Schönfelder. »Ich kannte Mistelbach bereits vom Namen her, hatte aber jetzt erst das Glück, es kennen zu lernen.« Aktuell sind sie in der Planungsphase. Eigentümerwohnungen aber auch Wohnungen zum Veranlagen sollen es werden. Bei letzterem seien in Wien keine Renditen mehr zu erzielen, in Mistelbach schon. Sie gehen davon aus, dass 50 Quadratmeter für die Wohnungen ideal seien, aber noch stehen keine Wände, deshalb wünschen sie sich Feedback von den Interessenten. »Wir wollen uns der Nachfrage anpassen«, erklärt Schönfelder.

Die wenigsten hätten in Rainer Schönfelder diesen Businessman vermutet, war er doch unter den Skifahrern immer der Kasperl. Aber Menschen haben unterschiedliche Facetten und Interessen: »Spaß und Unterhaltung ist mir immer noch sehr wichtig, wie beim Skifahren, aber das ist nur die eine Seite des Rainer Schönfelder; Sport, Bühne, Entertainment prägt mein Leben nach wie vor und ich bin froh, dass ich mein Leben so gestalten kann wie ich will, für mich spielt Spaß und Humor eine ganz große Rolle. Aber es gibt eine andere Seite vom Rainer Schönfelder. Ich bin sehr akribisch, das ist mehr als ein Hobby, das ist eine Leidenschaft von mir, dass ich gerne Dingen nachgehe, die funktionieren, wie eine Formel, eine simple Rechnung, eine Gleichung, die aufgeht und dann einfach funktioniert.« So sieht er das auch mit Immobilien. Da ist anfangs eine grüne Wiese in Mistelbach, man weiß nicht, ob man das umwidmen kann, ob das funktioniert; Ist das möglich?   

Wer sind die Besitzer? »Und dann steht da ein Haus und Leute wohnen dort und sind hoffentlich glücklich«, schwärmt der Weltmeisterschaftszweite. »Das alles verwirklicht durch Rechnen, Kalkulation, Kommunikation – ist ganz wichtig, man darf niemanden übergehen, niemanden beleidigen, Regeln einhalten. Das ist einfach ein Hobby von mir, das meiner Meinung nach ganz stark mit meiner rechten Gehirnhälfte zusammen hängt. Wenn ich in der Zeitung lese von einem Startup Unternehmen mache ich sofort eine Hochrechnung und Machbarkeitsstudie: funktioniert das oder funktionierts nicht? Das ist doch toll, wenn Leute etwas angreifen, was nachher funktioniert. Und Investment ist nicht langweiliger als Sport und Entertainment, es ist genau so aufregend, nur halt anders.«

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Aber eine Sache ist doch ganz anders an seinem neuen Leben, nämlich die Außenwahrnehmung, nicht mehr im Rampenlicht zu stehen und auch nicht mehr so viel herum zu kommen. »Die Frage bekomm ich oft gestellt, aber das muss man genauer definieren. Man muss das Skifahrerleben etwas differenzieren. Was mir nicht abgeht, ist das viele Reisen. Ich habe jetzt eine Familie, das war der Grund warum ich aufgehört habe, als meine Kleine auf die Welt gekommen ist.« Und auch der medialen Absenz kann er Gutes abgewinnen: »Das Rampenlicht geht mir insofern nicht ab, als dass auch ich gelernt habe, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Ich kenne die Kehrseite der Medaille, wenn etwas nicht so läuft, wie es hätte laufen sollen. Von daher geht es mir nicht ab, dass ich jetzt ein stilleres Leben in der medialen Außenwahrnehmung habe.« Was aber nicht heißen soll, dass es nicht wieder lauter werden kann, räumt Schönfelder ein. Worüber der 40jährige aber überrascht war und was ihn immer noch tagtäglich fordert, ist sein neues Leben als Teamplayer. Freilich hat man als Skifahrer ein Team, »aber letztlich bin ich allein runter gefahren.« Er hatte seinen eigenen Plan, seinen eigenen Lebensrythmus, er konnte sich alles selbst gestalten. »Das ist jetzt nicht mehr so. Jetzt bin ich sehr viel von Leuten abhängig, von einem funktionierenden Team. Ich kann nie so gut sein wie ein ganzes Team. Und selbst wenn ich der Beste wäre, werde ich nie so gut sein, wenn mein Team nicht gut wäre. Das muss ich lernen, vom Einzelspieler zum Teamplayer zu werden«, räumt der frühere Einzelkämpfer ein. Obwohl er eine gewisse Führungsrolle einnimmt, muss er sich täglich vor Augen führen, dass er nicht alles alleine schaffen kann: »Ich gebe sehr viel her von dem Kuchen Rainer Schönfelder, ich kann aber nicht alles abdecken, so gerne ich das würde. Ich muss auch lernen Vertrauen an andere Leute abzugeben, was mir nicht leicht fällt, weil ich auch schon oft enttäuscht worden bin.«

»Ich schließe nicht aus, dass es in 15 Jahren eine Skirennläuferin Schönfelder im Weltcup gibt.«

Nach einem Leben, das dem Sport gewidmet war, fehlt er Schönfelder heute gar nicht so sehr. Denn damals hat er Sport als Mittel zum Zweck betrieben, es war sein Job. Nun hat er bemerkt, dass Sport für ihn eine Belohnung ist. Wenn Schönfelder mit seiner Arbeit nicht fertig ist, kann er auch nicht laufen gehen, da wäre er nicht frei dafür. Seiner Verantwortung als Geschäftsmann sei sich der ehemalige Sportler bewusst, sodass er sich hütet, in den alten Trott hineinzukippen: »Denn heute bringt mir der Sport außer persönlichem Wohlbefinden nix - da  wird dir bewusst, ja was tu ich denn da, da bin i drei Stund am Radl und eigentlich sollt ich was anderes machen.« Vielleicht ändert sich das wieder in Zukunft, meint er, aber im Moment ist Schönfelder im Aufbau seiner neuen Projekte. Im Winter aber hat er mehr Zeit für Sport, überhaupt ist er eher ein Wintermensch und fokussiert seinen Sport auf seine Tochter. »Ich wachse durch die Kleine zu einem ganz anderen Sportmenschen heran. Ob das Tennisspielen, Rollerbladen, Eislaufen, Skifahren oder was auch immer ist, das mache ich mit ihr, nur beim Tanzen kann ich nicht so einwirken, da schau ich ihr nur zu.« Die Vermutung drängt sich da auf, dass Väter ihre Sprösslinge gerne in ihren Fußstapfen sehen: »Ich schließe nicht aus, dass es in 15 Jahren eine Skirennläuferin Schönfelder im Weltcup gibt.« Immerhin zeigt die Kleine mit noch nicht einmal fünf Jahren Interesse daran und Schönfelders geschultes Auge vermag Talent zu erkennen. Sie sei in der Lage, Bewegungen sehr schnell umzusetzen. Aber er gibt ihr nichts vor: »Wenn sie lieber Golferin wird, dann soll sie das machen und wenn sie sagt, sie will von Sport gar nichts wissen, dann werden meine Frau und ich sie bei allen anderen Dingen unterstützen. Ich bin keiner der sagt du musst, aber du kannst alles haben. Es wäre ja lässig, wenn sie eine Skifahrerkarriere anstrebt, da kann ich ihr am meisten weiterhelfen und es wäre doch toll, das ganze aus einer anderen Perspektive noch mal zu erleben.« Nur hieße das für die Schönfelders als Eltern ein wahnsinniges Zeitinvestment, zumal sie in Wien wohnen, aber das würde er schon schaffen.

Der quirlige Ski-Star lebt jetzt sehr familienfokussiert, Familie und Beruf zu vereinen ist sein oberstes Ziel. Nur für Freunde und Bekannte hätte er gerne mehr Zeit. Diese Einschränkung verbucht Schönfelder aber als Investment in den Aufbau seiner Firma. Und vielleicht reißt er noch eine dritte Dekade an. »Potential wär ja da für 10. Der ganze Bereich Fernsehen, Unterhaltung, Musik, das sind Dinge, wo ich merke, da ist etwas in mir, das noch nicht abgeholt worden ist«, sobald das richtige Angebot kommt, steht er parat. Denn er glaubt Leute gut unterhalten zu können, immerhin hat er das als kleiner Bub schon gemacht, hat Kasperl und Clowns nie negativ gesehen und geht mit diesem Spaßfaktor auch an die Investmentgeschichte heran. »Der größte Fehler ist, dass man glaubt, jetzt kann man den Rainer Schönfelder einschätzen, jetzt ist er ruhiger geworden. Sobald man glaubt, jetzt ist eine Konstante in meine Person eingetreten, passiert genau das Gegenteil. Ich weiß, dass es passieren wird. Bin ein klassischer Antizykler, das kann ich gar nicht steuern«, gibt der Mann mit den Locken zu. Die einzige Konstante an Schönfelder ist, dass er variabel ist.

»Es ist erstaunlich, dass sich meine Eltern da so reingehängt haben, dass aus mir der wird, der ich jetzt bin. Meine Eltern haben mir die Basis gelegt zum Skisport und der Skisport hat mir gezeigt wer ich bin, was möglich ist.«

Dabei ist der kleine Rainer sehr bescheiden groß geworden. Die Mutter Hausfrau, der Vater Lastwagenfahrer, aufgewachsen in einer nicht alpinen Region Kärntens. Deshalb ist Schönfelder seinen Eltern extrem dankbar. »Es ist erstaunlich, dass sich meine Eltern da so reingehängt haben, dass aus mir der wird, der ich jetzt bin. Meine Eltern haben mir die Basis gelegt zum Skisport und der Skisport hat mir gezeigt wer ich bin, was möglich ist.« Dabei hat er gelernt, sich ständig selbst zu optimieren, zu prüfen, ob er an einer Stelle gut eingesetzt ist oder nicht und das macht den Rainer Schönfelder aus.

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD