Hot Light
Miju #15, APR’16

1978, Samstagnacht 20.00 Uhr. Reini Balazs, zwanzig Jahre alt, steht das erste Mal hinter einem DJ-Pult vor Publikum. Er wählt eine der Platten und legt Parana von Airto Moreira auf. Eine Acht-Minuten-Nummer. Genug Zeit, um Nervosität abzubauen und zu überlegen, was als Nächstes kommt.

Das Hot Light in Niederkreuzstetten ist eine der ältesten noch bestehenden Diskotheken in Österreich, vielleicht sogar die älteste. Die erste Scheibe lief am Silvesterabend 1968, damals aufgelegt von DJ Detschi. Mit Musik abseits des Mainstreams überlebte das Hot Light das Discosterben der 80er- und 90er-Jahre und hat bis heute seine treuen Stammgäste. Früher wurde um 20.00 Uhr aufgesperrt, um 21.30 Uhr ging es mit Peter Gun von Duane Eddy los. Die letzte Nummer der Nacht war und ist auch heute noch immer die gleiche: Joe Zawinul mit Mercy, Mercy. Ganz vorübergegangen ist die Discokrise allerdings auch an Niederkreuzstetten nicht. Früher hatte das Hot Light zwei Tage die Woche geöffnet, heute nur mehr einmal im Monat.  

Statt Frau Schiller ist nun deren Tochter Rita Chefin, sie übernahm Disco und Café 1986, und wie ihre Mutter redet sie Reini bei der Musikauswahl nicht drein. Rockig, jazzig, afrikanisch, südamerikanisch, je nach Publikum ist der Stil, die Prämisse am ehesten mit der von FM4 vergleichbar: Alles, was auf Ö3 rauf und runter gespielt wird, kommt nicht auf die Plattenteller. Das Publikum ist nicht mehr ganz jung, man fühlt sich unter sich und zu Weihnachten und Ostern ist das Lokal zum Bersten voll. Die Besucher nennen diese beiden Tage Oldiesabende, doch Reini schränkt ein: Gespielt wird nicht, was man gemeinhin unter Oldies versteht, sondern ganz einfach Musik im Stile des Hot Light: viele ältere Nummern, die man sonst kaum hört, und vor allem diejenigen einer besonderen Rockgröße: »Es hat bisher keinen Abend gegeben, an dem ich nicht zwei, drei Nummern von David Bowie aufgelegt habe«, sagt der bekennende Fan. Nach dem Tod des Künstlers gab es dann auch einen Abend, an dem Reinis umfangreiche Sammlung an Bowie-Alben zum Einsatz kam, eines davon eine spanische Pressung auf gelbem Vinyl.

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Reini Balazs, alias DJ MRReinyB’, ist dem Hot Light über all die Jahre hinweg treu geblieben, bis auf eine kurze »Karenzpause«, als sein Sohn geboren wurde. Versuchungen, fremdzugehen, gab es schon. Angebote von Wiener Clubs, die damals angesagt waren und heute von der Bildfläche verschwunden sind. 

»Dann hätte ich den Job beruflich machen müssen, fünf Tage die Woche, doch ich liebe die Musik zu sehr, als dass ich riskiere, die Lust daran zu verlieren«, meint Reini, »außerdem konnte ich das dem Hot Light nicht antun.« Er zwinkert Rita zu. »Doch verlockend war es schon. Ich hätte allerdings auch nicht gern meinen Beruf an den Nagel gehängt«, räumt er ein. Reini, der auch am Arbeitsplatz schon mal Mister Reini B genannt wird, war Grafiker und Redakteur für die Wochenzeitung Samstag. Seit drei Jahrzehnten ist er bei Herold Druck in Wien beschäftigt, seit einigen Jahren betreut er die Druckvorstufe von Presse, Wiener Zeitung und Heute Wien. Bei Martinu in Mistelbach kaufte sich Reini als Jugendlicher seine erste Single, Hey Jude von den Beatles, und seine erste LP von Joe Cocker. »Von der spiele ich auch heute noch etwas im Hot Light.« Alfi, der damals im Hot Light auflegte, meinte zu dem musikbegeisterten15-Jährigen: »Komm einmal nach Wien und schau dir ein richtiges Plattengeschäft an.« Reini fuhr direkt von der Hauptschule in Mistelbach nach Wien und legte den Grundstein seiner heute ca. 1.500 Platten umfassenden Sammlung. »Ich weiß von jeder noch, woher ich sie habe.«

»Wir wollten das Hot Light weiterführen, da mussten wir eben durch« 

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Wann holte sich Rita den Hot-Light-Virus, wann war sie das erste Mal in der Disco? »Wir haben oberhalb in der Wohnung gewohnt, da hat man sich halt ab und zu reingeschwindelt«, erzählt sie. An der Einrichtunghat sich seither kaum etwas geändert, nur den Himmel mit den Stanniolwolken gibt es nicht mehr, dafür Sitzstufen und Stehtische statt Sitzgelegenheiten. Vor einigen Jahren wurden bauliche Veränderungen notwendig, Notausgänge mussten geschaffen werden, behördlich vorgeschriebene Investitionen von alles in allem 30.000 Schilling. »Wir wollten das Hot Light weiterführen, da mussten wir eben durch«, meint Rita. Andere, größere Discos sperrten unter anderem aufgrund solcher Auflagen zu. »Wir haben uns abgehoben,weil wir immer unserem Musikstil treu geblieben sind. Andere haben kurz aufgelebt und waren dann auch wieder schnell weg. Als Familienbetrieb kommen wir außerdem leichter über die Runden.« Spezialgetränk des Hot Light ist der 2,80er, ein namenstechnisch entwicklungsfähiges Getränk, an dem sich Inflation, Währungsumstellung und die vergehende Zeit ablesen lassen und das seinen Anfang als 12er nahm: Cola-Rum mit nur ganz wenig Cola, daher billiger als der Klassiker, erhältlich war es um 12 Schilling und entstanden aufgrund eines Gastwunsches.

»Auflegen ist wie Schach: Man muss zwei drei Züge vorausdenken«, sagt DJ MRReinyB’.«

Prominentester Besuch der vergangenen Jahre war Harri Stojka, der zur 45-Jahr-Feier des Hot Light kam. Reini: »Ich hatte Harri Stojka durch ein Interview kennengelernt und über ihn eine Story geschrieben. Er hatte sich über die Gschicht gefreut und gemeint: ›Wennst mal was brauchst, meldst dich.‹ Das Lokal und die Tatsache, dass hier gute Musik gespielt wird, war Harri Stojka vom Hörensagen bekannt. Wir haben hier immer mal wieder ein paar Lieder von ihm laufen und ich dachte mir, ich frag’ ihn einfach«, erzählt Reini. Zuerst war der Musiker nicht so recht begeistert, doch dann meinte er: »Na gut, mach ma uns den Spaß.« Harri Stojka trat in dem für Liveauftritte eigentlich viel zu kleinen Hot Light auf. Interessant ist, dass sich in dem 1.500-Seelen-Ort Niederkreuzstetten gleich zwei wichtige Musiktreffpunkte des Weinviertels befinden. Die Neunerbar, nicht zu verwechseln mit der Zehnerbar in Hagenberg, ist regelmäßig Schauplatz interessanter Liveacts und durch diese völlig andere Ausrichtung keine Konkurrenz zum Hot Light.

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»Auflegen ist wie Schach: Man muss zwei drei Züge vorausdenken«, sagt DJ MRReinyB’.« Vom Scratchen und Verfremden hält er genauso wenig wie von elektronisch gespeicherter Musik. Es muss Vinyl sein. »Meine Meinung ist: Musik muss aus Instrumenten entstehen.« 2018 wird das Hot Light sein 50-jähriges Bestehen feiern. Gibt’s schon Pläne für die Jubiläums­feier? »So weit haben wir noch nicht vorgedacht«, meint Rita.    

GESCHRIEBENES: KARIN OPITZ
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD