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Die Snowdragons aus Wenzersdorf bei Gnadendorf holten sich im Vorjahr den Europameistertitel. Doch Wagen- und Schlittenrennen sind nicht die einzige Aufgabe der Huskys.

Durch knietiefe Lacken führte der Trail während des Finales im belgischen Beloeil. Lukas
Mikulics aus Gnadendorf kam mit seinen Hunden im Ziel schwarz vor Dreck an. Als Europameister. Wie kommt es, dass ausgerechnet aus Wenzerdorf ein derart erfolgreiches Huskyteam stammt? 

Aufgewachsen ist Lukas Mikulics im Marchfeld. Vor sechs Jahren stieß er auf der Suche nach einem Haus für sich und seine Huskys auf ein geeignetes Objekt in Wenzersdorf. »Hier war zu 99 Prozent alles Notwendige vorhanden und die hügelige Landschaft rund um den Buschberg ist optimal für das Training.« Die Nähe zu Laa, Mistelbach, Korneuburg und Wien war ebenfalls ausschlaggebend. Aufgewachsen ist Lukas Mikulics in einem Haushalt ohne Hunde, mit einer Katze und mit Vorsicht gegenüber Hunden, denn seine Mutter hatte immer ein wenig Angst vor ihnen. Mit 23 Jahren nahm Lukas Mikulics sich den ersten Husky, begann Interesse für die Tiere und ihre Züchtungslinien zu entwickeln und entschloss sich schließlich Huskys zu züchten. Fast alle seine Snowdragons stammen von einem damals aus Schweden importierten Husky-Pärchen und von einer österreichischen Hündin ab. Für Wagen- und Schlittenrennen ist das von Vorteil, denn Hunde aus derselben Züchtung sind wegen ihres ähnlichen Körperbaues besonders geeignet, harmonisch zusammen zu laufen. Jetzt gibt es Zuwachs. Vor kurzem hat sich Lukas Mikulics zwei weitere Huskys aus Tschechien dazu geholt.

»Ich habe allen gesagt, ich fahr nach Belgien, damit ich Europameister werde.«

Seit zweieinhalb Jahren fährt Lukas Mikulics Wagen- und Schlittenrennen, vor allem in der Slowakei, in Tschechien und Ungarn, wo der Sport viel beliebter ist als bei uns. Höhepunkt und Ziel des Trainings im vergangenen Jahr war die Europameisterschaft in Belgien. »Ich habe allen gesagt, ich fahr nach Belgien, damit ich Europameister werde.« Mit gutem Grund: »Ich habe in der Vorbereitung gesehen, dass es gut läuft und dass die Hunde gut drauf sind. Wir haben Training und Ernährung abgestimmt und uns akribisch vorbereitet.« Abenteuerlich war schon die Anreise mit vielen Pausen für die sieben Hunde und einer Übernachtung. Den Europameistertitel holte sich Lukas Mikulics in der Kategorie mit sechs Hunden. Beachtlich war auch die Leistung in der Gesamtwertung: »Wir waren mit nur sechs Hunden das zweitschnellste Team, nur ein Team mit neun Hunden war schneller.« 

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In der Umgebung von Gnadendorf trainiert Lukas Mikulics auf bis zu fünfunddreißig Kilometer langen Strecken. Im September beginnt er mit fünf bis zehn Kilometern und steigert die Distanzen langsam. Im April wird wieder abtrainiert. Im Sommer pausieren die Snowdragons und von Mai bis August stehen lediglich Wandern und Schwimmen auf der Tagesordnung. Es ist zu heiß und die Anstrengung wäre für den Kreislauf der Tiere zu gefährlich. 

Das Interesse von Lukas Mikulics gilt nicht nur dem sportlichen Aspekt der Huskyzucht. Er ist mitten in einer Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater und bietet in diesem Bereich unter Supervision Programme vor allem für Kinder und Jugendliche an. In Gnadendorf arbeitet er mit sozialpädagogischen Einrichtungen, wie zum Beispiel Pro Juventute oder dem SOS Kinderdorf zusammen. Die Therapiestunden erfordern von den Hunden volle Konzentration. Bewegung als Ausgleich ist wichtig, Therapie und Wagen- oder Schlittenrennen ergänzen sich deshalb optimal. »Wenn ich vier bis fünf Stunden konzentriert vor dem PC sitze, dann möchte ich raus, mich bewegen. Ähnlich geht es den Hunden, sie entspannen sich durch die Bewegung.« Für Menschen wirkt der Umgang mit den Hunden ausgleichend. »Ich habe im Rudel ganz unterschiedliche Charaktere. Wenn jemand sehr vorsichtig ist, gebe ich ihm einen Hund, der selber vorsichtig zugeht auf die Menschen. Wenn jemand überdreht ist, gebe ich ihm einen wilden Hund, mit dem er sich austoben kann.« Das erste Kennenlernen findet in einer Umgebung statt, in der sich der Hund jederzeit zurückziehen oder annähern kann. Bei dieser Begegnung erhält der Mensch unmittelbares Feedback und Lukas Mikulics erklärt, warum sich der Hund zurückzieht: zum Beispiel, weil ein Kind zu laut war oder ihn zu fest gestreichelt hat. Wenn Menschen Aggressionsprobleme haben, lernen sie im Umgang mit den Hunden mit ihrer Wut umzugehen und Grenzen zu akzeptieren. Angst vor Hunden haben häufig Personen aus dem türkischen Kulturkreis, denn in der Türkei gibt es vor allem Straßenhunde, die Krankheiten übertragen, und Kampfhunde. Doch Lukas Mikulics hat die Erfahrung gemacht, dass sogar Menschen, die mit Angst kommen, diese abbauen und am Programm teilnehmen können. »Jeder hat bis jetzt ein positives Erlebnis mitnehmen können.«

»So kann ich sie von Anfang an sozialisieren. Die Kinder füttern sie und verschaffen den Hunden von Beginn an positive Erlebnisse.«

Die Snowdragons sind fast alle in Gnadendorf bei Lukas Mikulics aufgewachsen. »So kann ich sie von Anfang an sozialisieren. Die Kinder füttern sie und verschaffen den Hunden von Beginn an positive Erlebnisse.« Je vielfältiger die Situationen sind, die ein Hund in frühen Monaten
kennenlernt, desto leichter fallen ihm später unterschiedliche Aufgaben. 

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Wenn sich jemand mit einem ganzen Rudel Hunde in einem kleinen Ort neu ansiedelt, dann ist das gegenseitige Akzeptieren von Grenzen auch innerhalb der Nachbarschaft nicht ganz unwichtig. Relativ früh gab es deshalb ein Gespräch mit dem Jagdleiter von Wenzersdorf. »Ich trainiere nicht in den Zeiten, in denen gejagt wird, in der Dämmerung, in den Abend-, Nacht- und Morgenstunden. Wenn große Jagden sind, bleibe ich mit den Hunden drinnen. Man braucht Kompromissbereitschaft und die ist auf beiden Seiten vorhanden.« Dazu gehören auch Lärmschutzmaßnahmen, weil die Huskys gerne mit den Kirchenglocken heulen. Dass das Zusammenleben auf diese Weise gut funktioniert, zeigt ein Besucher, der zufälligerweise gerade während des Interviewtermines vorbeikommt. Es ist der Bürgermeister von Gnadendorf, der zum Europameistertitel gratuliert. Kurz vorher hatten zwei freundliche, englischsprachige Frauen die Gartentüre geöffnet, jeweils mit einem Hund an der Leine. Sie wohnen im Haus von Lukas Mikulics, der seit drei Jahren an einem Freiwilligenprojekt teilnimmt und sich gegen freie Kost und Logis von Menschen aus aller Welt helfen lässt. Nicht nur bei der Arbeit mit Hunden, auch bei anderen Tätigkeiten. Mit einer Amerikanerin nimmt Lukas Mikulics gerade einen Song auf, mit anderen schneidet er Videos oder schreibt Artikel. »Ich versuche die Talente zu erkennen und sie zu fördern.« Nicht alle sind kreativ tätig, viele Helfer sitzen einfach stundenlang im Auslauf und beschäftigen sich mit den Huskys. Der kanadische Architekt Michal Homola wohnt zur Zeit des Interviews hier und setzt sich dazu. In den zwei vergangenen Sommern war er in den Innsbrucker Alpen und produzierte Käse. Jetzt betreut er Huskys. »I think this life ist better suited to me«, meint er auf die Frage, warum er die Planung von Hochhäusern gegen die Beschäftigung mit Tieren getauscht hat. 

Seine Praxiserfahrungen vermittelt Lukas Mikulics als Seminarleiter für therapiegestützte Pädagogik an der VetMed bei einem Uni-Lehrgang für tiergestützte Pädagogik und an der Bakip Wien. Zu seinen Zukunftsplänen gehören neben der Verteidigung des Europameistertitels in Ungarn 2014 und der Heimweltmeisterschaft 2015 in Bad Mitterndorf der Gemüseanbau und die Produktion von Lebensmitteln. Die Mutter von Lukas Mikulics hat ihre Vorsicht gegenüber Hunden abgelegt, der erste Husky ihres Sohnes wohnt nach wie vor im Elternhaus und mittlerweile sind sogar zwei weitere dazugekommen. Das neue Haus in Gnadendorf hat Lukas Mikulics seiner ersten Huskydame gezeigt, doch sie hat ihm klargemacht, dass das Elternhaus der von ihr präferierte Wohnort ist. Dort darf sie auf der Couch schlafen.   

GESCHRIEBENES: KARIN OPITZ
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD