Im Zeichen der Lilie
miju #17, OKT’16

Wenn sich Zwölfjährige in Bücher über japanische Schwerter-Schmiedekunst und Messer vergraben, anstatt mit den Nachbarskindern Fußball zu spielen, dann muss kein Grund zur Sorge aufkommen. Im Gegenteil, so starke Interessen können mit der entsprechenden Begabung zu erfolgreichen Unternehmen werden und dem Weinviertel einen Ruf für Qualitätshandwerk bescheren.

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Mit Dienstschluss des letzten Produktionstages in der Ernstbrunner Gießerei Hammerschmied ging auch die Ära eines Weinviertler Produktionsstandortes zu Ende. Die Firma Hammerschmied sitzt heute in Leobendorf und spezialisiert sich auf den Import landwirtschaftlicher Geräte. Produziert wurde in Ernstbrunn nicht mehr. Vor zwei Jahren ist aber das Handwerk in die alten Hallen der Gießerei zurückgekehrt, eine jüngere Generation mit ganz schön vielen Ideen und Zielen. Florian Stockinger hat sich mit seiner Messerschmiede Lilienstahl in der ehemaligen Gießerei eingemietet und sorgt so für den Verbleib Weinviertler Qualitätshandwerks in den Leiser Bergen. Und nicht nur das. Seine Passion für Einzelstücke nach Maßanfertigung macht seine Lilienstahl-Messer über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Immerhin beliefert der einstige Zwölfjährige mit einem Faible für japanische Schwerter heute unter anderem den bayrischen Landwirtschaftsminister, das gehobene Gasthaus Floh in Langenlebarn, ein Sterne-Hotel in Südtirol oder das Bittermann Vinarium in Göttlesbrunn mit Messern aus eigener Produktion, made in Weinviertel.

»Im Endeffekt ist ein Messer ja ein Werkzeug, das man verwenden will, also muss das auch technisch einwandfrei sein«

Wenngleich nicht alle Spezialwünsche der Sterneköche, die Florian Stockinger betreut, auch technisch umsetzbar seien, wie der junge Messerschmied-Meister einräumt: »Da muss ich mich oft auf meinen Instinkt verlassen, wie man diese Spezialwünsche technisch am besten umsetzt und meine Leistung durch Freunde und Verwandte überprüfen lassen.« Deshalb teilt er gerne Testmesser aus, damit er das Feedback seiner Freunde nutzen kann. »Im Endeffekt ist ein Messer ja ein Werkzeug, das man verwenden will, also muss das auch technisch einwandfrei sein«, sagt Florian, während er sich mit einem seiner massiven Messer eine Orange als Mittagessen schält. Die Mittagspause hat er nämlich versäumt, das passiert schon mal bei 12-Stunden-Arbeitstagen. Im Sommer hatte er zwar einen Ferialpraktikanten, einen HTL-Schüler für Kunst und Design mit Hauptfach Goldschmied, mit dem er viel Stahl vorproduzieren konnte, nach dem Motto 1 + 1 = 3. Aber sonst ist Florian noch auf sich alleine gestellt, von der Produktion über Einkauf, Verkauf und Administration. Besonders zeitaufwendig sind die Maßanfertigungen, denn für Einzelstücke muss er ja auch die Skizzen machen. »Das Messer muss schließlich das aushalten, was der Kunde zu Hause damit macht. Deshalb ist aber Service so wichtig. Man kann nur den Kunden sensibilisieren, was das Messer kann und was nicht, damit dieser dann  lange seine Freude damit hat«, erklärt Florian Stockinger das Dilemma jedes Herstellers. Darüber hinaus bietet er handgefertigte Blöcke an, damit man die Messer zu Hause schön präsentieren kann und einen Abziehriemen gibt es auch immer dazu.

»Bei diesem Stück hat allein die Gravur schon 1.000 Euro gekostet«

Seine ersten Messer hat der HTL-Absolvent schon zur Schulzeit gebaut. Einer seiner ersten Kunden war sein Lehrer im TGM, einer technischen Schule, und zwar bereits in der 3. Oberstufe. Nur vier Monate nach dem Zivildienst hat er schließlich die Schmiede eröffnet. Dass da gerade die Gießerei Hammerschmied zu mieten war, hat sich für den Korneuburger gut getroffen. Die Infrastruktur war da, die Nähe zum Wohnort perfekt und dass Ernstbrunn nicht gerade der Nabel der Welt ist, stellt für ihn kein Problem dar: »Ich bin nicht auf Laufkundschaft angewiesen, weil meine Produkte bei 100 Euro anfangen. Wenn man sich von Serienproduzenten in diesem Preissegment ein Messer zulegt, hat man schon das obere Segment erreicht. Bei mir ist das aber der Einstiegsbereich.« Hauptsächlich macht er nämlich Sammlerstücke, wie jüngst etwa einen Brieföffner um 2.500 Euro. »Bei diesem Stück hat allein die Gravur schon 1.000 Euro gekostet«, erzählt er. Abgesehen von der Gravur kommt bei der Messerschmiede Lilienstahl aber alles aus einer Hand, auch die Griffe macht Stockinger selbst, egal aus welchem Material. So bietet er etwa Griffe aus Warzenschwein-Elfenbein an: »Ich kenne einen Farmbesitzer in Südafrika, der muss von Zeit zu Zeit Reduktionsjagden durchführen. Wenn er schöne Hauer dabei hat, schickt er sie mir, denn sonst würden sie in der Kadaververwertung landen.« Einer seiner letzten Aufträge beispielsweise war ein 9-teiliger Küchenmesserblock, für den Florian die Griffzwinge aus Feinsilber gießen ließ. Vom Damaszenerstahl bis zum Leder stellt der junge Messerschmied also alles selbst her und das meistens auf Bestellung, seine Kunden finden ihn. Auch in Ernstbrunn. 

Obwohl er auch Serviceleistungen wie Klingenschleifen durchführt, müssen seine eigenen Klingen nur selten nachgeschärft werden. Das weiß er von seinen Kunden, die ihm erzählen, dass sie Lilienstahl-Messer über ein Jahr lang nicht nachschleifen müssen. Deshalb kam sein Werbefachmann auch auf den klingenden Slogan »Klingen für Generationen«, schmunzelt Florian. Mit der Produktion nimmt der Mittzwanziger es nämlich sehr genau. Man braucht zwei sehr gute Werkzeugstähle, einen spröden-harten und einen zähen. Diese kombiniert man, schmiedet sie bei 1.200 Grad Celsius, wodurch sie sich verschweißen, dann schmiedet man den Stahl wieder auseinander, legt ihn zusammen und fängt wieder von vorne an, wieder und wieder, wie bei einem Blätterteig, bis 300 Lagen gefertigt sind – das ist dann der Schichtdamaszenerstahl. Die genaue Vorgehensweise hängt aber vom Muster der Klinge ab. Genaues Arbeiten ist dabei das Um und Auf. Kein Sauerstoff, kein Schwefel darf dazukommen, volle Konzentration ist angesagt. »Da bist du dementsprechend fertig«, beschreibt Stockinger sein Handwerk. Selten, aber doch passiert es ihm trotzdem noch, dass er die Klinge »in die Tonne treten muss«. Klingenschmieden mit Schleifarbeit ist also der erste Schritt, der zweite ist die Wärmebehandlung, mit ihr wird Elastizität und Feinkörnigkeit eingestellt. Anschließend wird poliert und geätzt – man nennt es im Neudeutsch auch gern gefinisht – und letztlich folgt die Griffbearbeitung, die macht er auch selbst. Geschärft wird das Messer erst ganz zum Schluss. Florians Schneiden haben eine Härte von über 60 Rockwell, das ist fast schon Glashärte. Auch das ist ein Grund, warum er seinen Messern immer Lederabziehriemen mit auf ihren Weg gibt, denn ein normaler Wetzstahl ist für solche Klingen ungeeignet, da diese keine geschlossene Schneide hinbekommen. Rasiermesserschneiden seien perfekt, und deshalb verwendet er auch solche Stähle, man muss sie aber wegen ihrer Sprödigkeit und Härte mit anderen Stählen kombinieren, damit sie ein gutes Küchenmesser ausmachen.

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Und so tüftelt, erfindet und entwickelt Florian Stockinger immer wieder Neues. Drei Schleifmaschinen hat sich der Maschinenbau-Absolvent selbst gebaut. Und nun führt er gemeinsam mit einer Forschungsanstalt ein sehr spannendes Forschungsprojekt aus. Es soll ein völlig neuer Klingenstahl entwickelt werden, rostfreier Stahl für extrem feine Schneiden mit hoher Schnitthaltigkeit lautet der Auftrag, zu Fachdeutsch: Gesucht ist die Kombination der Schnitteigenschaften von Silberstählen mit Korrosionsbeständigkeit. »Spannend, man kann im Vorhinein das Potenzial gar nicht abschätzen. So etwas gibt es am Markt noch nicht«, sprudelt Florian Stockinger.

»Aber richtig schlimm! Ich dachte, jetzt kann ich heimgehen und im nächsten Jahr wieder antreten, habe es aber dann trotz der Verletzung geschafft.«

Mit diesem Forschungsprojekt geht Stockinger ganz in seinem Element auf, war es doch der Werkstoff Stahl, der ihn von klein auf so fasziniert hat. Selbst ein Studium an der Montanuni Leoben hätte ihn interessiert, allerdings hätte ihm bei einem akademischen Beruf das Handwerkliche gefehlt. So hat er sich eben für die Selbstständigkeit entschieden und machte nach der Matura am TGM noch die Meisterprüfung, um auch Lehrlinge ausbilden zu können. Diese Prüfung wird ihm wohl in Erinnerung bleiben, hat er sich doch dabei gleich zum Einstieg in den Beruf des Messerschmieds die Finger verbrannt: »Aber richtig schlimm! Ich dachte, jetzt kann ich heimgehen und im nächsten Jahr wieder antreten, habe es aber dann trotz der Verletzung geschafft.«

Die Messerschmiede Lilienstahl blickt zurück auf eine lange Geschichte von Händlern. Zumindest ihr Gründer Florian Stockinger und ihr Name tun das. Florians Familie väterlicherseits war im Mittelalter ein Handelsgeschlecht mit einer Lilie im Wappen. »Das wollte ich weiterleben lassen, mein Geschäft mit den erfolgreichen Ahnen verknüpfen. Deshalb nannten wir mein Unternehmen Lilienstahl«, erzählt der Jungunternehmer.

»Wenn man noch jung im Geschäft ist und noch nicht zu viele Kunden hat, ist man immer ein wenig unsicher, daher bin ich im ständigen Kontakt mit meinen Kunden, um Feedback über meine Messer zu bekommen.«

Expansionspläne, um mehr Kunden erreichen zu können, hat der Messerschmied durchaus, denn in dem Preissegment sei das wichtig. Dabei möchte er auch Serien entwickeln und anbieten, aber immer von außerordentlicher Qualität, denn für seine Klingen kann er eine 10-mal längere Standzeit bei richtiger Verwendung garantieren. Kritik an der eigenen Arbeit ist für ihn überlebenswichtig: »Wenn man noch jung im Geschäft ist und noch nicht zu viele Kunden hat, ist man immer ein wenig unsicher, daher bin ich im ständigen Kontakt mit meinen Kunden, um Feedback über meine Messer zu bekommen.«

Derzeit hat er ein Serienklappmesser in Planung, gezeichnet und konstruiert hat er es bereits. Nun hofft Stockinger, noch 2016 den fertigen Prototyp in Händen zu halten. »Mein Vater sagt auch immer wieder Sohn, du brauchst Filetiermesser – also auch das steht auf meinem Programm«, erzählt er von seinen Plänen. Zudem hat Florian mittlerweile die optimale Form für verschiedene Obstmesser, Gemüsemesser und Fleischmesser herausgefunden, die er künftig in verschiedenen Güten anbieten möchte. Selbiges hat er auch mit Jagd- und Lederhosenmessern vor. Die Ideen gehen ihm also nicht aus, der Entwicklungsdrang auch nicht. Das Weinviertel ist eben ein Ort, wo qualitatives Handwerk eine Heimat gefunden hat.

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD