intention zur intendanz
miju #29, Okt’18

Gleißende Hitze, gepaart mit heißem Wind wie aus einem Haarföhn, die Felsenbühne Staatz liegt in diesigem Licht, dahinter ragt der karge Kalkfelsen, der Staatzer Berg, mächtig empor. Es ist eine Szenerie von ganz besonderem Flair. Die ersten Besucher sitzen bereits auf beschatteten Bänken und genießen in Ruhe ihre kühlen Getränke, bevor der große Ansturm kommt. Diese entspannte Ruhe setzt sich hinter der Bühne fort. Zwischen den Garderobencontainern sitzen Sängerinnen und Schauspieler plaudernd und kichernd. Eine sehr einladende Aura umgibt die ganze Situation. Werner Auers Container ist eng, aber alles da, was man als Akteur und Intendant so braucht: die Garderobe, die Maske, eine Espressomaschine und zwei Bildschirme mit Wetterkarten. Daneben ein Plätzchen unter einer Laube, ideal für ein nettes Gespräch … 

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Viele Künstler ticken ganz anders als die meisten von uns. Soll jetzt nicht heißen, Künstler wären irgendwie komisch oder so. Sie haben nur oft nicht dieses Bedürfnis nach Regelmäßigkeit, Vorhersagbarkeit, nicht die Intention, täglich zur gleichen Zeit an den gleichen Ort zu fahren, um ihre Arbeit zu verrichten. Oder anders gesagt, viele müssen dieses Bedürfnis ablegen, denn der Beruf lässt es nur selten zu. Meistens haben Künstler viele Projekte gleichzeitig laufen, an ganz unterschiedlichen Orten, sie müssen flexibel sein. Werner Auer ist das Gegenteil, er hat Regelmäßigkeit und Beständigkeit aufgegeben für einen Beruf voll Flexibilität. Und er liebt das. Der Hollabrunner begann mit 13 Jahren Gitarre zu spielen und verdiente sich seine ersten Sporen als Sänger in verschiedenen Bands. Jedoch blieb er vorerst nicht auf dem künstlerischen Pfad. Nach seiner Ausbildung als Vermessungstechniker absolvierte er eine HTL für Hochbau. Um Mitte zwanzig produzierte er seine erste Single und stand mit einigen lokalen Bands sowie seiner ersten eigenen auf der Bühne. Dadurch baute er ein Netzwerk in der Musikszene auf, das wiederum sein eigenes musikalisches Spektrum beachtlich erweiterte. Nach der Geburt seines Sohnes widmete sich Werner Auer in der dreimonatigen Vaterkarenz zur Gänze seinem Sohn David, bemerkte aber auch in dieser Zeit, dass Kreativität viel einfacher geht, wenn man nicht zu Terminen hetzen muss. Deshalb haben Frau und Herr Auer Familienrat gehalten, der ergab, dass Werner seinen Brotberuf als Bausachverständiger auf 20 Stunden reduziert, um sich mehr der Kunst widmen zu können.

»Der Schwenk war am Anfang ein bisschen hart f¸r mich, weil mir das schon gefallen hat, mit Laien zu arbeiten und alle einzubinden, aber die Anforderungen wurden so hoch, dass es nicht mehr umsetzbar war.«

Ende der 1990er wird es dann interessant für den Bezirk Mistelbach. Die bisher für ihre Karl May-Festspiele bekannte Felsenbühne Staatz liegt brach. Auer, kürzlich erst in Mistelbach mit einer semiprofessionellen Produktion von Les Misérables in Berührung gekommen, möchte dieses verwaiste Gelände wieder bespielen. Die Gemeinde Staatz als Eigentümer des Festspielgeländes ist einverstanden, nur die Finanzierung darf nicht zulasten der Gemeinde gehen. So wird anfangs alles aus den Eintritts- und den wenigen Sponsorgeldern bezahlt. »Wir haben alles in einen Topf geworfen und am Ende der Saison aufgeteilt«, erinnert sich der Intendant, »so wusste am Anfang niemand, was er in dieser Saison verdienen wird.
Werner Auer ändert schrittweise die Ausrichtung von Western zu Musical, damit der Bruch für das Publikum nicht zu hart ist. Erst mit selbst komponierten Märchenmusicals wie Robin Hood und König ohne Krone als Familientheater, dann folgen aufwendig produzierte Musicals mit professionellen Akteuren. 2004 ist also das Jahr der großen Wende für die Felsenbühne Staatz und auch für Auer. Da wird mit Jesus Christ Superstar erstmals ein weltbekanntes Musical auf der Open-Air-Bühne inszeniert. Mit dem Bekanntheitsgrad der Musicals steigen von Jahr zu Jahr auch die Anforderungen, nicht nur an die Darsteller und Musiker, sondern auch an das gesamte Team im Hintergrund, vom Bühnenbau über Kostüme, Produktionsbüro und Gastronomie. Der immer größer werdende Organisationsaufwand, gepaart mit dem Erfolg der Felsenbühne Staatz und vielen anderen Engagements als Sänger, bewegen Werner Auer dazu, sich ab 2005 ganz und gar der Kunst zu widmen. Mittlerweile zählt die Felsenbühne mit einem Fassungsvermögen von 1.200 Besuchern pro Vorstellung und insgesamt 16.000 pro Saison zu den größten Sommerbühnen des Landes.

Aber es geht noch flexibler, noch vielseitiger. Musicalsänger, Intendant, Regisseur, Bühnen-designer und Komponist sind das eine, Gesangssolist bei eigenen Produktionen wie Musicals & Movies, Musicalmania oder Welcome to Las Vegas, sowie bei einigen der bekanntesten österreichischen Big Bands – Orchester Axel Rot, der Tom Henkes Dance Band oder der Broadway Big Band – sind das andere. Dabei beglückt sein Talent bei Weitem nicht nur die Weinviertler und Wiener. Moskau, New York, Indianapolis, London, Berlin und Leipzig wurden von Werner Auer bereits beschallt.

Noch immer nicht flexibel genug? Dann kann der Auer auch noch Kabarett mit Joesi Prokopetz anbieten. Moderator, Konzeptionist und Organisator von Events und Shows, den Vorsitz des Theaterfestes Niederösterreich, eines Zusammenschlusses der 20 renommiertesten Sommertheaterbühnen Niederösterreichs, die Intendanz und Regie des Kinder.Musical.Sommer.Niederösterreich in Schiltern bei Langenlois und die künstlerische Leitung der Niederösterreichischen Musicalakademie des Landes Niederösterreich machen seinen Arbeitsalltag erst rund.

Anders als der Titel vermuten lässt, war die Aufführung Les Misérables diesen Sommer weit entfernt von miserabel. Die Autorin durfte sich unter das Publikum mischen und sich selbst von der Leistung auf der Bühne und der Stimmung auf der Tribüne ein Bild machen. Rein subjektiv, ohne Anspruch auf professionelles Gehör sei die Stimme des Valejan, dargestellt von Darius Merstein-McLeod, als schlicht fesselnd beschrieben. Speziell in seiner Sterbeszene geht seine zartrauchige Intonisierung direkt unter die Haut. Freilich begeisterte auch Werner Auers Beinahe-Bass für den Antihelden Javert. Die Gegenüberstellung der helleren Stimme des Merstein-McLeod und der dünkleren Auers war eine gelungene Vertonung des Widerspruchs der beiden Kontrahenten Valejan und Javert. Die Idee, das Wirtspaar überzeichnet komisch darzustellen, war eine willkommene Aufheiterung im sonst so schwermütigen Stück. Ja sogar der Festspielwein war eine Idealbesetzung in der Pause. Jedoch, wie wir alle aus der Werbung wissen, ist Qualität kein Zufall. Auer hat bereits vielfache Erfahrung mit dem Stück. Bereits 1999 hat er die Rolle des Jean Valjean in der Les Misérables-Produktion des A-Capella-Chores Weinviertel gesungen. Das war in Mistelbach und gleichzeitig der Auslöser für Auers Musicalfaible.

»Da ist die Arena voll und die eine Hälfte schreit ›Gar nicht erst anfangen, gleich das Geld zurück!‹, während die andere Hälfte schreit ›Auf jeden Fall spielen, wir sind so weit angereist‹. Wem machst du’s jetzt recht?«

Wie die Namen im obigen Absatz bereits vermuten lassen, ist das Ensemble auf der Felsenbühne nur noch teilweise aus der Region, und wenn doch, dann sind das auch ausgebildete Sänger und Schauspieler. Viel zu hoch sind die heutigen Anforderungen an die Akteure. Das liegt einerseits am kleinen Zeitfenster, in dem das Stück erarbeitet werden muss: »Sechs Wochen, da bleibt keine Zeit, jemanden, der zwar gut singen kann, Schauspielunterricht zu geben oder das Tanzen beizubringen.« Deshalb braucht es dazu Akteure, die alles können. Andererseits sind es die Verlage, die einen hohen Qualitätsanspruch an der Umsetzung ihrer Stücke stellen und diesen auch überprüfen. »Die Rechte-Inhaber sagen, wenn du es nicht professionell umsetzt, bekommst du die Rechte nicht, weil sie natürlich ihre Werke schützen wollen«, erklärt der Intendant und Sänger. Deshalb wollen die Verlage immer öfter vorab wissen, wer mitspielt und wie qualifiziert derjenige ist. »Der Schwenk war am Anfang ein bisschen hart für mich, weil mir das schon gefallen hat, mit Laien zu arbeiten und alle einzubinden, aber die Anforderungen wurden so hoch, dass es nicht mehr umsetzbar war«, blickt Auer auch ein wenig wehmütig zurück. Und je bekannter das Stück, desto höher die Auflagen. »Gerade Les Misérables ist so ein Stück, da wird vom Verlag nichts dem Zufall überlassen.« Jäh wird Auers Redefluss von dichten Rauchschwaden unter-brochen. Da brennts! Nein, sagt Auer, das sei nur der Techniker, der die Nebelmaschine ausprobiert. Denn heute geht starker Wind und Wind und Nebel seien so eine Sache, leitet Auer die Situation gleich zum Thema Herausforderungen mit Open-Air-Aufführungen über: »Das hatten wir alles schon. Dass der Nebel minutenlang auf der Bühne steht und man gar nichts mehr sieht. Dann gibt es wieder Vorstellungen, da bläst man zehn Liter Nebel-flüssigkeit rein und man hat keinen Nebel, weil ihn der Wind gleich wieder verzieht.« Aber das macht’s gerade so spannend für den Auer, deshalb ist jede einzelne Aufführung so einzigartig, dennoch schwierig bei instabilem Wetter, wie es immer im Hochsommer sein kann und auch dieses Jahr war: »Da ist die Arena voll und die eine Hälfte schreit ›Gar nicht erst anfangen, gleich das Geld zurück!‹, während die andere Hälfte schreit ›Auf jeden Fall spielen, wir sind so weit angereist‹. Wem machst du’s jetzt recht?« Prinzipiell startet man ein Stück mit dem Ziel, es bis zum Ende zu spielen, denn auch die Schauspieler seien unglücklich, wenn sie eine Vorstellung nicht zu Ende spielen können. »Der Vorwurf, man spielt 61 Minuten, damit ein Stück als  abgespielt gilt und man das Geld nicht zurückzahlen muss, ist einfach absurd«, betont Auer. Solange es irgendwie geht, wird ein Stück durchgespielt, da verzichtet man halt auf die Pause. In dem Moment aber, wo die Technik ausfällt oder es für das Publikum und die Schauspieler gefährlich wird, muss man abbrechen. »Aber wenn die Abende passen, wie es bei allen anderen Vorstellungen der Fall war, dann gibt es nichts Schöneres, als unter freiem Himmel singen und spielen zu dürfen«, schwärmt Auer.

Auer unterscheidet zwei Arten von Freude. Auf der einen Seite das Publikum, wenn gerade bei einem Stück wie Les Misérables, das nun wirklich kein Gute-Laune-Stück ist, das Publikum so mitgenommen wurde, sodass allabendlich 1.200 Leute am Ende der Vorstellung aufstehen und jubeln. Auf der anderen Seite das Ensemble. Die Freude in ihren Gesichtern, gerade bei jungen Schauspielern, der Teamgeist. Da gibt es kein Gemecker, auch wenn es schüttet oder bei Proben wie heuer bei 36° Celsius 6 Stunden geliefert werden muss. »Im Gegenteil, die Leute kommen herein von der Bühne und sagen ›ist das geil da‹«, beschreibt Werner Auer die Atmosphäre. Die letzten zwei Wochen vor der Premiere sind die heißesten. Da kommt das Orchester dazu, das bis dahin losgelöst mit dem musikalischen Leiter geprobt hat. Alles, was zuvor in Wien geprobt wurde – seien es die Choreografien, die Schauspielszenen oder auch das in diesem Stück sehr oft vorkommende Sterben und wie man eine Leiche von der Bühne abtransportiert –, wird dann in Staatz auf die große Bühne übertragen. »Da ist aber vieles anders. Geht man in Wien drei Schritte, braucht man in Staatz 30. Dann passt aber die Musik wieder nicht dazu, das muss dann wieder angepasst werden. Kampfszenen oder Choreografien, die man in Wien locker mit dem Trainingsanzug probiert hat, gehen plötzlich mit dem Kostüm nicht, weil zu eng oder was auch immer. Dann müssen entweder die Kostüme umgenäht oder die Choreografie geändert werden. Je nachdem, was einfacher ist und schneller geht. Deshalb ist der Premierenabend immer die große Erleichterung, da weiß man, man hat es geschafft.« Als Erfolgsrezept für die Felsenbühne Staatz findet der Musiker und Intendant, dass er die Stücke nicht zwangsmodernisiert, sie nicht in eine Welt zerrt, in der sie nichts verloren haben. »Ich setze meine Stücke möglichst werkgetreu und in einer Form um, in der ich sie selbst gerne sehen würde. Und diese Form der Inszenierungen dürfte auch den Geschmack unseres Publikums treffen, was uns durch das rege Publikumsinteresse seit 19 Jahren bestätigt wird«, sagt Auer.

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Anders als im subjektiven Empfinden der Weinviertler ist unsere Region immer noch weit weg bis kaum vorhanden in den Köpfen der nahe gelegenen Großstadt. Immer wieder wird es mit dem Waldviertel in einen Topf geworfen. Die Poysdorfer Winzer, die hätten es verstanden, das Thema Wein zu vermarkten, so Auer. Umso verwunderlicher, dass die Kulturtreibenden nicht mehr mit ins touristische Boot geholt werden, denn immerhin bringen die Weinviertler Sommertheaterspielstätten zwischen 45.000 und 50.000 Besucher pro Saison in die Region. Die Kultur hat in den letzten 15 Jahren enorm aufgeholt und bildet einen wesentlichen touristischen Aspekt. Leider wird dieses kulturelle Angebot und Potenzial aber noch immer viel zu wenig genutzt. Das Haupteinzugsgebiet des sommerlichen Kulturlebens in Niederösterreich und dem Burgenland liegt zum einen in der Region, aber zu einem sehr großen Teil in dem Großraum der Bundeshauptstadt. »Deshalb sehe ich auch im Großraum Wien unser größtes Potenzial an Besuchern«, erklärt Auer die Wichtigkeit touristischer Programme mit Kulturangebot.

Langsam kommt Bewegung auf. Angekündigt durch den Techniker und seine Nebelmaschine, scheint die Aufführung bald loszugehen. Die Schauspieler erscheinen in ihren Kostümen, gehen in die Maske. Gregor Sommer, man kennt ihn als Intendant des Schlossfestivals Wilfersdorf, ist der musikalische Leiter der Felsenbühne Staatz, er winkt Werner Auer zu, es gebe noch etwas zu besprechen. Nun, dann müssen wir uns verabschieden, aber wiedersehen werden wir uns gleich wieder, vom Publikum aus, wenn Werner Auer auf der Bühne den Javert mimt. Und nächstes Jahr? Da wird es erneut schwere, aber hochwertige Kost auf der Felsenbühne Staatz geben. Mit dem Graf von Monte Christo wagen sich Werner Auer und sein Team noch dazu an ein bislang eher unbekanntes Stück. Aber einfach könnte ja jeder.

GESCHRIEBENES: VIKTORIA ANTREY
FOTOGRAFIERTES: ALEXANDER BERNOLD, Rolf Bock, Martin Hesz